Österreichs Wörter

„Fremdschämen“, Sie haben das sicher gelesen, ist das deutsche Wort des Jahres.

Das kommt uns Österreichern sehr entgegen – weil wir soviel haben, für das, den oder die wir uns jederzeit umstandslos fremdschämen können. Für uns ist dieses Wort also ganz leicht in der Praxis des Alltags anwendbar.

Heute zum Beispiel: Im „Kurier“ einen ernsthaften Kandidaten gefunden, der das Zeug hätte, „Grundgrant“ als österreichischstes aller österreichischen Wörter abzulösen:

Oberaufsichtsrat.

So einen gibt es tatsächlich, kein Schmäh jetzt, das ist ein Amtstitel am Wiener Landesgericht – und nicht ohne Gewicht, wie folgende Geschichte zeigt:

Jener Banaldichter, der seit Jahrzehnten Bäume (früher, mit abnehmbaren Zetteln) und Gehsteige (jetzt, durch leicht zu entfernende Aufschriften) der Stadt mit Miniprosa schmückt, war wegen dieser Tätigkeit in einem ordentlichen Gerichtsverfahren verurteilt worden.

Schließlich, nicht vergessen, sind wir ja in Österreich – hier ist der Amtsweg das Ziel (danke für diesen tollen und originellen Satz, lieber Nömix, er bereichert den Sprachtalltag!).

Der Delinquent hat daraufhin eines seiner ultrakurzen Kurzgedichte direkt auf den Boden vor dem Verhandlungssaal geschrieben – auf prunktrutzburgmäßig blank gewienerten und glatten Beamtenstein, mit wasserlöslichem Stift. Das sah ein österreichischer Ärmelschoner – und weil jener eben mit dem Amtstitel „Oberaufsichtsrat“ geschmückt war, ließ er die Sache natürlich nicht auf sich beruhen.

Noch vor Ort holte er telefonisch einen Kostenvoranschlag zur Beseitigung der Lyrik ein – 70 Euro. Auf die wurde der Dichter postwendend neuerlich verklagt – und wegen Sachbeschädigung noch dazu.

Die Verhandlung in dieser Angelegenheit muss recht lustig gewesen sein, dem Staatsanwalt (kaum zu glauben, dass sich jemand findet, der spießig genug ist, so etwas tatsächlich zu verfolgen) scheint es unter anderem darum gegangen zu sein, wie viele Tropfen (sic!) Lösungsmittel zur Beseitigung notwendig waren.

Was nicht festgestellt werden konnte, denn der Zeuge (ein Reinigungsspezialist, also: die Putzfrau) hatte trotz aufrechten Bemühens nicht mehr beizutragen, als dass mit einfachsten Mitteln alles binnen Sekunden nach dem Motto wisch-und-weg bereinigt war.

Wenigstens fand der Angeklagte eine vernünftige Richterin ohne Amtskapplmentalität vor, er wurde kurz, schmerzlos und bündig: freigesprochen.

Für den lächerlichen Oberaufsichtsrat (ich fasse es noch immer nicht, das wir uns als Gesellschaft so einen Nonsens leisten) können wir uns jetzt alle kollektiv ein wenig fremdschämen.

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