Die Grazer in Graz

Schon seit ein paar Monaten freuen sich Lokalpolitiker, Architekten und ortsansäßige Whistleblower (die hier eher Blechbläser sind) über ihre rote „visuelle Klammer“ im Bezirk Jakomini. Wenn Sie nicht von hier sind (Glück gehabt) fragen Sie sich sicher, was das ist.

Dem Vernehmen nach hatten zwei Architektinnen bei der Planung der bevorstehenden Straßensanierung im Bezirk Jakomini seinerzeit die Idee, doch einfach den Asphalt einiger Straßenzüge am Bezirksrand rot einzufärben – wie die Aschelaufbahnen in Leichtathletik-Stadien. Und durften das wirklich umsetzen. Genannt haben sie dieses rote Band dann eben visuelle Klammer.

Ob die Idee bescheuert ist oder nicht, lasse ich dahingestellt, es gefällt eh jedem was anderes. Aber in der kleinen Stadt Graz, die nur innerhalb der Steiermark groß ist, freuen sich jetzt alle Verantwortlichen über diese tolle kreative Tat. Weil es hier eben schon als kreativ durchgeht, eine Straße mit roter Farbe anzumalen.

Dass einige internationale Zeitungen darüber berichten (nicht ohne vorsichtig erstaunten und süffisanten Unterton), verstehen die versammelten Grazer Provinzdenker falsch: Sie glauben, dass sie etwas ganz Tolles geleistet haben und nun von der Welt bewundernd gelobt werden.

Tut die Welt natürlich nicht. Medien aus dem Ausland berichten darüber, weil es eben ungewöhnlich ist, wenn Stadtväter es zulassen, dass ein paar selbsternannte Originelle speirote Farbe flächendeckend und grundlos auf´s Pflaster werfen. Und das dem Vernehmen nach auch noch durch die Übernahme der Kosten von fast 70.000 Euro honoriert bekommen.

Natürlich ist das berichtenswert, weil es eben News ist. Sonst macht so einen Blödsinn nämlich weltweit keiner. So funktioniert Journalismus, das Ungewöhnliche ist berichtenswert, aber diese Berichterstatung noch lange keine Wertung.

Wirklich kreative Leistungen, die es schon auch gibt, werden in Graz von den Verantwortlichen eher abmontiert. Im übertragenen Sinn genauso wie im wörtlichen.

Den Uhrturmschatten zum Beispiel, eine künstlerisch tatsächlich wertvolle Idee, haben die Stadtväter nach dem Kulturhauptstadtjahr sofort entfernt und an ein Einkaufszentrum verscherbelt. Dort tut er jetzt werbeplakat- und weihnachtsgirlandengeschmückt seinen beschämenden Dienst im Ausgedinge.

Die Murinsel des berühmten Architekten Acconci lassen sie in der Bedeutungslosigkeit verrosten und verrotten. Das Kunsthaus, als „Friendly Alien“ eine echte architektonische Großtat, hat mehr Schließtage als die lokale Gastronomie und ein schlechteres Programm als der ORF – beides will was heißen.

Und den Abriss des Kommod, einer kulturellen Institution in der Stadt, hat der herz-, schmerz- und scherzlose Bürgermeister in einer beispiellosen Nacht- und Nebelaktion zugelassen, möglicherweise sogar rechtswidrig.

Ich frage mich, warum ich mich immer öfter frage, ob ich hier nicht doch wieder weg sollte. Irgendwohin, wo die Straßen nicht rot sind, die Menschen innen nicht tot und die Bettler nicht ständig hart an der Grenze zum Verbot.

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