Frühstück im Café

Heute Frühstück im Kaffeehaus, ich mache das öfters (vor allem am Mittwoch, wenn Ebedye, die freundliche türkische Putzfrau, meine Wohnung aufmischt und ich dort ziemlich deplatziert wäre). Am Tisch neben mir: zwei Jungredakteure aus dem Sportressort, sie spielen Waldbrunn und Farkas, also Bauernschlau und Obergescheit. Die Sache ist mühsam, weil ich hier an der Antrittsrede für den neuen Geschäftsführer eines Medizintechnik-Unternehmens schreiben wollte.

Aber der Obergescheite spricht so viel und laut, dass Konzentration einfach nicht geht. Außerdem wedelt er beim Reden mit den Armen, schneidet große Kreise in die Luft. Zwischendurch muss ich mich sogar ein bissl ducken, damit er mir keinen neuen Scheitel zieht. (Das ist jetzt nur ein sprachliches Bild, weil mein engagiert fortschreitendes Glatzerl eh keinen Scheitel mehr verträgt, schon seit Jahren nicht.)

Jedenfalls, ich weiß jetzt genau, welcher Spieler Sturm Graz im Sommer verlassen wird, und warum. Wie unsensibel das von der Vereinsführung ist, ihn gehen zu lassen. Dass ein Oldie im Team nicht die Wertschätzung genießt, die ihm zusteht. Dass der Trainer vergangene Sommerpause sieben Angebote anderer Vereine hatte, von denen er kommende Sommerpause eines annehmen wird. Dass der Auftritt von Sturm bei Juventus Turin vergangenen Herbst für den Obergescheiten, der vor Ort gewesen zu sein scheint, ein nachhaltiges Erlebnis darstellt.

Das war, schreit er und das halbe Café lauscht, ein wunderschönes Spiel, also ich meine, es war schön dort, ich hatte so ein Gefühl, wirklich angenehm. Damit du verstehst, was ich meine, ich überspitze das jetzt, das war wirklich ein klasses Spiel, also schön. Wirklich. Das war ein echt schönes Erlebnis, so ein schönes Spiel. Das war, wie soll ich sagen, es war schön dort.

So geht es endlos, die beiden wollen sich einfach nicht vertschüssen. Sie tauschen Erfahrungen von diversen internationalen Matches aus, bei denen sie jeweils anwesend waren. Schließlich kündigt der Bauernschlaue an, nächste Woche Barca gegen Arsenal beizuwohnen. Karten, stellt sich aber auf bewundernde Nachfrage des Obergescheiten heraus, hat er keine. Er wird auf den Schwarzmarkt vor dem Stadion vertrauen. Mache er immer so. Der Obergescheite nickt verständnisvoll, das kennt er offensichtlich.

Plötzlich alles klar – die zwei sind typische Berufseinsteiger in den Sportjournalismus, als freie Mitarbeiter eines Grazer Provinzmediums bei drittklassigen Spielen gern gesehene und hofierte Berichterstatter, in der richtigen Sportwelt aber auf gedealte Tickets angewiesen. Also um das eine oder andere Lichtjahr weniger wichtig, als sie es gerne wären und im Kaffeehaus vielleicht sind. Wird schon werden, Jungs.

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