Techniker und wie sie die Welt sehen

Kollege Ebert, der sich professionell mit Sprache beschäftigt, hat beim Fernsehkonsum der vergangenen Tage eine interessante Beobachtung gemacht und teilt sie der Welt mit: Wer in den letzten Tagen, schreibt er auf Facebook, TV schaute bekommt den Eindruck: Für Experten die über die Atomgefahr sprechen gibt es eine Brille+Bart Mindestanforderung.

Mit geht es jetzt nicht um die ein wenig spärlich platzierten Beistriche, auch nicht um das „in den letzten Tagen“ – Falle für alle, auch für die Schreibprofis: Denn es handelt sich natürlich nie um die letzten Tage (auch wenn das vielleicht gerade den Japanern im Augenblick so vorkommen könnte), sondern um: die vergangenen Tage. Aber auf Facebook muss man´s auch als beruflich Sprachgewandter (und das ist Herr Ebert von der famosen Firma „Wortwelt“ zweifellos) nicht immer so genau nehmen, passt schon.

Es ist mehr dieses Ding mit Brille und Bart. Ein wenig abgewandelt ist mir das nämlich auch schon aufgefallen – die „Experten“ präsentieren sich im Fernsehen alle irgendwie leicht nachlässig, jedenfalls geschmacklich nicht ganz so toll hergerichtet.

Meine persönliche Erklärung, von der ich überzeugt bin und mit der ich jetzt eines meiner ältesten Vorurteile wieder bediene: Die Herren (das würde aber auch für Damen gelten) sind Techniker. Die teilen das Leben in Drehmomente, Anlenkpunkte, Gleichungen und Formeln ein, womit sie die vielen Grautöne und Schattierungen der menschlichen Verhaltensweisen natürlich nicht abbilden können.

Das Leben ist nicht weiß oder schwarz, nicht x oder y, es ist nicht so oder so – sondern es ist: vieles. Für Techniker muss das ein Albtraum sein. Und damit finden Sie sich, vermute ich, nicht so ganz zurecht. Das mündet in eine gewisse Präpotenz und in ein vorsichtiges Überlegenheitsgefühl allen anderen Menschen gegenüber, das man in ihren Statements immer wieder zwischen den Zeilen heraushören kann. Wenn man gut hinhört: Ich weiß, wie die Welt funktioniert, du nicht. Also sei dankbar, dass ich dir das jetzt erkläre.

Das ist ductus technicus. Natürlich verwechseln sie dabei die Welt mit ihren Maschinen und schnallen nicht einmal ansatzweise, dass sie von den Menschen und deren Funktionsweise keine Ahnung haben. Kann man einmal Dutzende Zahnräder halbwegs reibungsfrei ineinander greifen lassen heißt das noch nicht, dass man die Menschen und ihr Verhalten versteht. Ganz im Gegenteil. Darum sind die Maschinen der Techniker auch alle so kompliziert, so fern jeder Benutzerfreundlichkeit, abgehoben, unverständlich. Und leider funktionieren sie auch sehr oft nicht ordentlich. Allein schon ihre Gebrauchsanweisungen, die sind meistens ein Drama.

Weil Techniker in fachlicher Beschranktheit eben viele Dinge, die in ihrer Welt nicht vorkommen (in der wirklichen aber schon) beim Berechnen und Bauen übersehen oder schlicht als unwesentlich negieren. Zum Beispiel, dass ein Erdbeben durchaus Stärke 9 haben kann, auch wenn so eines bisher noch nicht da war. Die nahende Atomkatastrophe in Japan ist daher ein Fehler – und Schuld – der Techniker, sie haben ihre Kraftwerke einfach nicht gut genug gebaut. Abgesehen davon, dass ein wirklich verantwortungsvoller und erstklassiger Techniker, der ein tatsächliches Bild vom Leben und den Menschen im Kopf hat, nie und nimmer ein Atomkraftwerk bauen würde.

Der langen Rede kurzer Sinn und zurück zur Beobachtung des Kollegen Ebert: Techniker sind einfach anders, ein bissl jenseitig – und das meine ich durchaus im nicht positiven Sinn.

Also ziehen sie sich auch ein wenig anders an, weil sie das vergleichsweise nonkonformistische Auftreten mit Bart, hässlicher Brille und karierten Hemden in unpassenden Farben (ich wette, man könnte auch das eine oder andere kuriose Schuhwerk erkennen, schwenkten die Kameras nach unten) cool finden. Sie glauben, vermute ich, damit können sie ihren besonderen Status demonstrieren. Dass das in Wahrheit eher lächerlich wirkt, merken sie nicht, weil die Gleichungen in ihren Köpfen so eine Unbekannte nicht vorsehen.

Außerdem haben Techniker, fürchte ich, in vielen Fällen einfach nur einen miserablen Geschmack.

Nicht alle natürlich, und ich muss anmerken: Ich kenne einige Techniker, vor allem Technikerinnen, die sind ganz anders und ich habe vor ihnen höchste Achtung, mag sie sehr gerne. Keiner oder keine von ihnen hat übrigens bei der Konstruktion eines Atomkraftwerks mitgewirt und alle arbeiten sie inzwischen in mehr oder weniger nicht technischen Jobs.

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Ein Gedanke zu “Techniker und wie sie die Welt sehen

  1. Hi Klaus, Danke für die Aufheiterung am Nachmittag, in der jedenfalls ein Beistrich fehlt ;-)Ich bin auch sicher, dass das vergleichsweise nonkonformistische Auftreten nicht dadurch begründet ist, dass Techniker einen solche cool finden. Zu Geschmack haben sie einfach keinen Draht, er ist ja auch nicht einfach kategorisierbar, logisch nachvollziehbar.L G Gabi

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