All das Gezwitscher

Tochter Julia – und die ist immerhin Master of Arts in Literature and Publishing, muss es also wissen – schreibt in einem ihrer insgesamt vier (hat ihr wohl nicht so getaugt) Tweets: Twitter schadet der Literatur.

Twitter also.

Natürlich sind fast alle Tech-Aficionados vorbehaltlos begeistert von den neuen Möglichkeiten. Und die großartige Rolle des Dienstes bei der aktuellen Demokratisierung in der arabischen Welt macht Kritik an Twitter derzeit ohnehin beinahe zu so etwas wie Majestätsbeleidigung.

Trotzdem bin ich mir ziemlich sicher: Die Sache kann grundsätzlich auch problematisch sein, weil sie der Gesellschaft über Nacht Kommunikationswege gepflastert hat, auf die niemand richtig vorbereitet ist. Unsere Massenkommunikation folgte bislang anderen Mustern, funktionierte nach anderen Kriterien und in anderen Strukturen.

Klar ist es super, wenn nun beinahe jeder beinahe alles sagen kann – eine großartige Errungenschaft im Demokratisierungsprozess der Menschheit.

Aber ein wenig ist das momentan noch so, als würde man einem Führerschein-Neuling auf Probe mit seiner VW-Golf-Erfahrung die Schlüssel zu einen Lamborghini in die Hand drücken und sagen, jetzt leg doch einfach einmal los! Dafür fehlen ihm Erfahrung, Können und wohl auch Wissen (vor allem jenes um die nötige Verantwortung).

Hilft es wirklich weiter, wenn plötzlich jeder Nachrichten nutzen kann, die jeder produzieren kann? Treten wir da nicht in eine ganz neue Dimension der Kreation von Realität in den Medien ein?

Da diskutieren wir seit hundert Jahren und seit Kischs Reportagen an den Universitäten über dieses komplexe Thema und überlegen, wie verantwortungsvolle Kommunikatoren mit der schwierigen Problematik umzugehen haben. Nun kommt Twitter und ab sofort kann´s jeder tun. Wobei natürlich, das ist ja klar, professionelle Kommunikatoren eine Chance wie Twitter anders (vermutlich sinnvoller) nützen, als Menschen ohne jedes einschlägige Wissen und Können.

Es ist ein Unterschied, ob ein gut ausgebildeter Journalist als Gatekeeper entscheidet, was berichtenswert ist und was nicht. Ob er recherchiert, nach einem Verhaltenskodex unter professionellen Rahmenbedingungen und in hoffentlich professioneller Weise berichtet. Oder ob Hinz und Kunz etwas hören, das gleich einmal lustig twittern, was wiederum Max und Moritz lesen, für bare Münze nehmen und ihrerseits als solche weitergeben. Im ersten Fall entsteht für Mediennutzer ein Bild, das der Realität halbwegs nahe kommt und auf das sie einigermaßen vertrauen können. Im zweiten Fall entstehen undifferenzierte Meinung und mehr Verfälschung, als gut ist.

In den harmlosen Niederungen der Alltagskultur ist das ziemlich egal. Der Schrott, welcher 99 Prozent aller Tweets ausmacht, tut keinem weh. Aber im gesellschaftspolitischen Umfeld von Massenkommunikationsprozessen kann Twitter problematisch sein. Weil niemand mehr – und schon gar nicht unreflektierte Nutzer des Dienstes – entscheiden kann, was auf professionellem Weg zustande gekommene Nachricht ist. Und was persönliche Meinung oder einfach nur Blödsinn.

Wenn man alle vorhandenen Informationen oben in einen Trichter schickt, kam unten bisher im Idealfall nur jener Bruchteil davon wieder heraus, der von dafür ausgebildeten Menschen, den Journalisten als sachkundige Filter, überprüft, aufbereitet und für würdig befunden wurde. Jetzt wird alles reingekippt, fällt auf geradem Weg durch und landet unten, allenfalls ein wenig gemixt,  bei den Empfängern als diffuser Brei. Das senkt die Qualität jeder Massenkommunikation.

Ich will mir die Stimmungslage des durchschnittlichen Österreichers, der sich seine Meinung künftig aus dem Mix Krone-Twitter-Facebook-Musikantenstadl bildet, gar nicht vorstellen.

In der Hand geschickter Agitatoren kann Twitter, ausgestattet mit entsprechender Breitenwirkiung, sicher eine gefährliche Waffe sein. Es ist nicht gesagt, dass immer nur Rebellen beim In die Wüste schicken von Diktatoren oder halbwegs lautere Obamas die neuen Möglichkeiten für ihre Zwecke zu nützen wissen.

Auch wenn Dienste wie Twitter in besonderen Situationen eine tolle Sache für demokratische Prozesse sein können beziehungsweise solche vielleicht sogar erst ermöglichen – und auch wenn sie eine Bereicherung im Sinn von Vielfalt und Chancen sind:

Twitter in der derzeitigen Form schadet nicht nur der Literatur, sondern auch der Kommunikation.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s