My Lagan Love

Belfast ist eine richtig fette Stadt, trotzdem voll durchtrainiert, grandios. Vor ungefähr einem Jahr blieb mir am Weg dorthin nichts als die Flucht in die Musik, weil alles andere an mir ausgeschaltet war.

Das nordirische Tourist Board schickte nämlich einen Taxler im Skoda Kombi zum Dubliner Airport, um die Kollegen Fred aus Deutschland, Pietro aus Italien, Thierry aus Frankreich und mich abzuholen. Alle vier hatten wir unser heavy equipment dabei, was man eben so braucht für eine Woche Golf in der Fremde. Dazu der Taxifahrer, freundlicher Gastarbeiter aus Afrika: ungefähr 150 Kilo schwer, desorientiert, aber zuversichtlich. Ein schwarzer Sumo-Ringer.

Er, vier Golfjournalisten mit Bags in voluminösen Travel Covers sowie vier Koffer – das passt natürlich nie und nimmer in einen schüchternen Skoda. Da kannst du noch so schlichten, pressen, drücken und fluchen.

Aber dem Mann aus Afrika war das völlig egal. Er sortierte Mensch und Material gnadenlos in das ächzende Fahrzeug, dann wuchtete er sich selbst hinters Steuer. Sie können sich denken, die Fahrt war nicht so richtig angenehm. In solchen Momenten bleibt dir nur, dich aus der Realität zu nehmen und in Scheinwelten abzutauchen.

Ich negierte also irgendwann das Alu-verstärkte Eck von Pietros Travel Cover in meinem Nacken, Freds schweren Koffer auf meinem Schoß und die kalte Seitenscheibe des Skoda, an die mir die Vollbeladung die Wange klebte. Ich stöpselte den iPod ins Ohr, zog mir den schaurig schönen Irish Trad Song „My Lagan Love“ rein, in der Version von Königin Sinéad, die alles so singen kann, wie es sonst niemand singen kann. Und beschloss, als wir uns anschickten, eine Brücke knapp über dem Boden schleifend zu nehmen, mit einer geografischen Wissenslücke Schluss zu machen.

In verschiedenen Sprachen radebrechend (es war unklar, woher unser zu vollbrachtem Transport wild entschlossener Fahrer genau kam) erkundigte ich mich, ob der Mann zufällig wisse, wo in Irland der Fluss Lagan verlaufe. Ja, gab er zu verstehen, soeben fahren wir drüber.

Also schaute ich raus und runter auf den Lagan, über den ich drei Tage später in einem Touristenkahn zum Belfast Lough hinaus schippern sollte, vorbei an den Thompson Drydocks, in denen sie vor fast exakt hundert Jahren die Titanic zusammengeschraubt haben, und: freute mich.

Toller Moment, während Frau O´Connor mir ins Hirn schmetterte: …and sings in sweet and undertones the songs of heart´s desire.

Jedesmal, wenn ich in Zukunft dieses Finish von My Lagan Love höre (super Version auch von Kate Bush übrigens, a capella und mit dem Text der Gstanzerln vier und fünf), werde ich an die endlose Taxifahrt denken, die mich für drei Stunden zusammenfaltete wie Tiger Woods es bis vor kurzem noch mit dem Rest der Golfwelt tat.

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