Der Ruheraum der Stille

Sehr gelitten, letztens. Ich musste für ein Golfmagazin Hotelportraits einrichten und die Kollegen wollen, dass man dabei wie folgt vorgeht: Pressetext hernehmen, die schlimmsten Dilettantismen (und es gibt in touristischen Pressetexten, glauben Sie mir das, unglaublich viele unglaublich dilettantische Dilettantismen) herausstreichen und dann wird´s schon irgendwie passen.

Erstklassiger Qualitätsjournalismus ist das nicht, aber naja. Vor allem frage ich mich: Warum nur sind im Tourismus so viele so völlig überforderte Texter unterwegs? Warum um Gottes Willen merken die Auftraggeber nicht, welch schreiberischen Dumpfbacken sie ihr Geld in den Rachen werfen? Ich kenne Journalisten-Kollegen, die würden jederzeit fein ziselierte, aussagekräftige, elegante und vor allem zweckdienliche Beschreibungen der verschiedenen Häuser formulieren. Aber nein, beauftragt werden – ach, was soll´s.

Sie merken schon, mich hat das ziemlich hergenommen. Mein Schreiberherz musste bluten wie überhaupt noch nie. Master of desaster ist für mich persönlich jedenfalls der Pressetext eines Hotels in Radstadt, aus dem ich gerne zitieren möchte:

…so fühlt es sich also an wenn man rundherum verwöhnt wird. Als Gast im ****Superior Hotel xxxxxxxxx erlebt man dies den ganzen, lieben und leider viel zu kurzen Tag lang. Sobald man in den Super-Size-Betten die Augen öffnet, beginnt ein traumhafter Tag mit viel Zeit zu zweit. Nach einem ausgiebigen Frühstück mit allen Köstlichkeiten die man sich vorstellen kann, kommt die schwierige Frage: „Golfen, Reiten, Tennis, Fitness oder den ganzen Tag im Bademantel verbringen?“…Beim Rundgang durch das großzügige Hotelareal kommt man aus dem Staunen nicht mehr raus…Der staatlich geprüfte Reitausbildner Josef unterrichtet von Anfängerkursen bis hin zu Dressur- oder Sprungstunden…Kein Genuss ist vorübergehend, denn der Eindruck den er zurücklässt, ist bleibend…Eine Runde im beheizten Pool und relaxen in Laconium, Tepidarium, Infrarotkabine oder schwitzen in den verschiedensten Saunen und  Dampfbädern. Anschließend, tief eingekuschelt im flauschigen Bademantel, versinken im Wasserbett und wegdösen im Ruheraum der Stille. In der Beauty wird auf Naturkosmetik gesetzt…

Ich glaube ja, Reitlehrer Josef hat nicht gut auf seine Pferde aufgepasst, eines ist ausgebüxt und hat die Verfasserin dieser unglaublichen Banalität beim Schreiben ein bissl getreten.

Auch kenne ich zahlreiche Kollegen, die beruflich viel Zeit in Hotels verbringen – die Frage, ob der ganze Tag im Bademantel verbracht werden soll, hat sich keiner von ihnen je gestellt. Oder versinken im Wasserbett: möchte ich nicht so gern, man könnte dazu nämlich auch einfach „ertrinken“ sagen. Überhaupt: alles in allem ein wirklich, wirklich schwachsinniger Pressetext. Um es einmal höflich zu formulieren.

Außerdem, für mich die touristische Tautologie des noch jungen Jahrhunderts: der Ruheraum der Stille. Ich gebe aber zu, auf so etwas muss man erst einmal kommen…

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s