Charmanter Alltag

Heute nach längerer Zeit wieder einmal eine Bahnfahrt. Se sitzn hier in da erschtn Klasse, schnarrt der Schaffner, zohln´S bitte auf! Never ever, denke ich mir und sage: Muss ich nicht, das ist ein Journalisten-Service der ÖBB, ich darf das. Obwohl er es eigentlich als Schaffner kennen sollte, glaubt er mir nicht. Wo steht des?, fragt er skeptisch. Do, antworte ich und zeige ihm die entsprechende Info auf der Vorteilscard.

Das verblüfft den Mann, er denkt kurz nach. Dann zohln´S wenigstens auf, weil Sie in einem Business-Abteil sitzen, dest kost fuffzehn Euro, meint er dann – sichtlich erleichtert, dass ihm jetzt doch noch was eingefallen ist, wofür er kassieren darf. Allein und wie gesagt: Never ever, da setze ich mich lieber einfach um.

In einem normalen Abteil der 1. Klasse ist mir rasch klar, warum die ÖBB durchaus spendabel sind. Alles wie in der 2. Klasse, nur die Sitzbezüge sind statt aus verschlissenem Stoff aus zerrüttetem Plastik und der Boden ist statt aus zerrüttetem Plastik aus verschlissenem Stoff. Als die Zugbegleiterin in ihrer ungefähr fünf Nummern zu großen Uniform mit einem Mineralwaser anrückt, reißt sie gleich einmal das desolate Klapptischerl (aus Holz imitierendem Plastik, zerrüttet) aus der Verankerung. Die Fenster lassen sich natürlich nicht öffnen, man muss schon der Klimaanlage vertrauen – wobei das mit dem Vertrauen und den ÖBB ja traditionell ein gewisses Risiko ist.

Ich muss aber auch sagen: Der Waggon ist wirklich sauber (auf´s WC gehe ich lieber nicht Nachschau halten), der Betreuer in der Lounge am Bahnhof war ausgesucht freundlich und aus der Steckdose im Abteil kommt tatsächlich Strom, man kann also arbeiten beim Fahren. Wenn der Zug jetzt auch noch pünktlich und der provisorische Wiener Hauptbahnhof in Meidling nicht zu chaotisch ist, kann man´s glatt durchgehen lassen. Und das mit dem Erste-Klasse-Upgrading ist sowieso wirklich nett von den ÖBB, danke!.

Alles andere, das meistens mieselsüchtige Personal (auf der Rückfahrt brüllt die Schaffnerin grundlos mit einem Schwarzafrikaner und dessen Kind herum, dass es im Waggon nur so scheppert), das verrottete Material, den Service aus dem vorvorigen Jahrhundert (es ist auch in Zeiten des Internet eine mehrwöchige Tortur, zu einer Vorteilscard zu kommen, aber womöglich haben Sie das ja selbst auch schon hinter sich) kennt man eh schon, das ist für einen gelernten österreichischen Bahnfahrer charmanter Alltag.

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