Der Himmel blaut, mir graut

Wegen der seltsamen, ausufernden Diskussion bin ich glatt ein wenig neugierig geworden, also: Lektüre der Landeshymnen. Jetzt drängen sich mir zwei Fragen auf.

Frage 1: Warum in aller Welt führen wir ernsthaft eine Diskussion wegen geschlechtsneutraler Formulierungen, wo doch auf den ersten Blick ersichtlich ist: Getextet haben bescheiden Begabte.

Bitte entrüsten Sie sich jetzt nicht, lieber aufrechter patriotischer Leser. Bleiben Sie gelassen und lesen Sie ganz nüchtern – hier zwei ziemlich wahllos heraus gegriffene Beispiele, aus der Steiermark und aus Wien:

...wo die Gemse keck von der Felswand springt
und der Jäger kühn sein Leben wagt;
wo die Sennerin frohe Jodler singt
am Gebirg, das hoch in Wolken ragt…

…die Nixen auf dem Grund,
Die geben’s flüsternd kund
Was alles du erschaut,
Seitdem über dir der Himmel blaut…

Und jetzt sagen Sie selbst – halten Sie das jeweils für einen gelungenen, geschliffen und gekonnt formulierten Text? Der Himmel blaut, nur zum Beispiel.

Der Himmel blaut!?

Oder der Jäger, der sein Leben wagt – auf der Gamsjagd, wie soll das denn gehen? So wehrhaft sind nicht einmal steirische Gemsen.

Müsste man über die Hymnen nicht eigentlich aus ästhetischen Gründen diskutieren? So viel miserable Reime, so sinnlos pathetischer Schwachsinn, das ist Land und Leuten doch weniger zuzumuten als ein paar fehlende Töchter…

Und, jetzt wird es aber ernster – Frage 2: Ich möchte wirklich zu gerne wissen, warum sich all die rechtschaffen entrüsteten Gender-Formulierer, die wohl ziemlich sicher jeden einzelnen Satz der diversen Hymnen ganz genau obduziert haben, nicht über folgende Formulierungen empörten:

Wien, Strophe 3: Und treuer deutscher Sinn streut aus seine Saat von hier weit hin.
Tirol, Strophe 3: Da rief er laut: Gott sei mit euch, mit dem verratnen Deutschen Reich.
Steiermark, Strophe 6: Wo noch deutsches Wort und Handschlag gilt, frommer Sinn noch herrscht und Tugend währt.

Immerhin, im Fall der Steiermark wurde diese Passage mit ein paar anderen aus der Originalmelodie entfernt, als man sie zur offiziellen Hymne gemacht hat. Trotzdem, ernsthaft zu stören scheint die dumpfe Deutschtümelei in den Hymnen unserer Bundesländer (und es gäbe noch mehr Zitierenswürdiges) niemanden. Und die überhaupt katastrophale Qualität der Texte auch nicht.

Nur über die Gender-Formulierungen regen sich alle auf.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s