Schon ganz schön Beton

Früher einmal war es so, ich weiß das aus erster Hand, dass man als Journalist bei der Industriellenvereinigung anrufen konnte und dann zum Beispiel zu sozialpolitischen Themen mit Zahlen, Daten, Fakten und Positionen versorgt wurde.

Minimal hat sich das inzwischen geändert.

Heute lerne ich: Der Chef der sozialpolitischen Abteilung rührt Beton mit Leidenschaft an, zumindest verbal. Mit gewundenen Formulierungen drückt er sich um auch banalsten Klartext, ich habe mir etwa folgenden Dialog notiert:

Frage: Welches Pensionsantrittsalter stellt sich denn die Industrie für das Jahr 2030 vor?

Antwort: Es gibt einen Pfad, den die Pensionskommission der Bundesregierung festgelegt hat und den wir verlassen haben, auf diesen Pfad müssen wir wieder zurückkommen.

Frage: Ja. Aber welches Pensionsantrittsalter wünscht sich denn die Industrie für das Jahr 2030?

Antwort: Die Pensionskommission hat sich dafür ausgesprochen, dass man Maßnahmen setzt, um in den nächsten Jahren das Antrittsalter möglichst rasch anzupassen.

Frage: Und die Industrie? Sie haben das sicher berechnet – welches Pensionsantrittsalter stellt sich die Industriellenvereinigung für das Jahr 2030 vor?

Antwort: Ich weiß nicht, ob es zielführend wäre, Zahlen zu nennen. Aber ich gehe davon aus, dass es notwendig ist, auf den vorgesehenen Pfad zurückkehren, der klar definiert ist und möglichst rasch an einen Punkt führt, der größtmöglichen Sinn macht.

Frage: Zu welchem klar definierten Ziel in Bezug auf das Pensionsantrittsalter führt dieser Pfad im Jahr 2030?

Antwort: Wie die Kommission mehrfach betont hat: Das Antrittsalter ist möglichst rasch anzupassen.

Frage: Und abgesehen von dem, was die Kommission schon mehrfach betont hat – welches Pensionsantrittsalter wünscht sich die Industrie für das Jahr 2030?

Antwort: Nun ja, wir befinden uns derzeit in Gesprächen, die zum Ziel haben, Maßnahmen zu finden, damit wir auf den Pfad zurückkehren können, den die Pensionskommission…

Aaaaaaah. Eine knappe halbe Stunde meines Lebens habe ich heute mit diesem Telefonat in den Sand gesetzt. Dabei hätte der gute Mann auch einfach sagen können, dazu gibt es keinen Kommentar. Sowas ist durchaus üblich und auch eine Art von Klartext.

Früher machte jenen Job in der iv-Sozialpolitik einer, der wenig Angst vor Sätzen ohne Relativkonstruktion hatte und sagte, was Sache war. Er hatte Mitarbeiter, die das auch taten. Damals hatte die Industriellenvereinigung aber auch noch einen Generalsekretär, der in den Medien vorkam – und wie.

P.S.: In der angeführten Pensionskommission sind übrigens 26 ihrer 33 Mitglieder Leute aus Interessenvertretungen, nur sieben sind unabhängige Experten. Jetzt kann man schon ein wenig darüber nachdenken, wie geradlinig und zielführend der Pfad schließlich ausfallen wird, den die gerade pflastern.

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