Für die Liebe

Das Setting ist irgendwie schon skurril. Im leeren Plenarsaal des Parlaments steht Fotograf Jeff hinter der Regierungsbank, packt das heavy Equipment zusammen und erzählt nebenher seine Geschichte vom Jobwechsel: aus dem Cockpit einer Wiener Straßenbahn vor den Grafiker-Mac und schließlich hinter die Kamera.

Alles ausgelöst unter anderem von einem Herrn namens Richard St. John und dessen Buch „Eight to be great“ – acht Punkte, die es auf dem Weg zum Erfolg zu beachten gilt. Passion and work für love, not for money, scheint irgendwie ganz oben auf der Liste zu stehen, soweit ich es verstanden habe.

Und das alles in einem von Mandataren völlig entleerten Saal, der still vor sich hin kauert, ein wenig abgewohnt bereits, ich sitze im Sessel irgend eines Abgeordneten und warte, bis Jeff seine Pinkerln fertig verpackt hat. Vor mir Bundesadler und hohes Pult der Nationalratspräsidenten. Und die Regierungsbank, auf welcher der Fotograf noch Minuten zuvor am Platz des Bundeskanzlers kniend seinen Job erledigt hat – für eine Geschichte im nächsten Format. Kaufen Sie sich´s und lassen Sie sich überraschen.

Seltsam auch: Um ins österreichische Parlament zu gelangen musst du, wenn du nicht akkreditiert bist, Sicherheitskontrollen wie am strengsten Großflughafen der Welt passieren. Bist du aber einmal drin, kannst du dich frei bewegen. Dass wir im Allerheiligsten der Republik, wo die Demokratie bewahrt wird (beziehungsweise werden sollte, denn die aktuellen Abgeordneten sind ja zum größeren Teil – naja, lassen wir das), völlig ungestört tun und lassen können, was wir wollen, scheint normal zu sein.

Draußen spazieren zwar ab und zu zwei Parlamentsdiener vorbei und werfen kurze Blicke durch die offenen Türen – halten Jeff und mich aber wohl für nicht beanstandenswertes Inventar. Wahrscheinlich gilt: Wer die unfreundlichen, gelangweilten und ihrem Grundgrant ergebenen Beamten an den Eingängen ohne seelische Schäden überstanden und es ins Hohe Haus geschafft hat, kann kein Böser sein.

Klar scheint mir: Die arbeiten für das Geld, nicht für die Liebe. „Passion“ ist für sie, was es eben hierzulande ist: ein Fremdwort.

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