Die Sünden der Väter

Heute einen Tag lang Creative-Writing-Seminar an der Donau-Universität, super Sache. Wenn man einmal darf, wie man will, ist das gleich ganz was anderes – beinahe wie Urlaub, man kann dies oder das lernen, die Sache macht Spaß. Zum Beispiel dieser Text, 30 Minuten war Zeit und man musste sich in eine Kindheitserinnerung hineindenken, die Vorgabe des Themas hieß:

„Das Haus meiner Kindheit“

 

Ein Haus, das da steht wie ein Irrtum. So sollten Menschen nicht leben. Viele Wohnungen, wie Schuhschachteln mutlos in einen Kasten gelegt, auf keinen Fall ein Zuhause, nur Unterkunft für die Zeit zwischen dem Arbeiten. So hatte es sich wohl auch die Fabrik gedacht, als sie ihren Arbeitern hier Wohnraum anbot. Zu günstigen Kredit-Bedingungen, was in Wahrheit keine Großzügigkeit war, sondern eine Schlinge um den Hals: Je stärker dich die bunte Welt hinaus in ihren langen Atem zieht, desto weniger Luft bekommst du. So viele Familienväter haben sie sich umlegen lassen und nichts bemerkt (Arbeit ist in diesem Haus Sache der Männer, die Frauen putzen, stricken unten im Hof auf den Bänken, verwelken langsam und haben Angst vor allem) . Mein Vater einer von ihnen.

Auf jeden Fall: kein guter Platz für Kinder.

Das Schlimmste ist der Geruch, denn es riecht nach nichts. Glück ist hier ein fremdes Land und bis dorthin ist es eine lange Reise, für die, man ist ja noch Kind, ein passendes Verkehrsmittel fehlt. Für das ganz große Unglück mangelt es zwar an Dramatik, aber das Leben in diesem Haus ist einfallslos, sorgen- und freudlos, kantenlos.

Ein uninspiriertes Stiegenhaus, durch das Kinder lärmen, immerhin ein Lebenszeichen unter den Abgestorbenen. Sonst ist alles banal, glatt, einfach nur: nicht auffallen. Außen eine graue Fassade, lebloses Steingranulat, innen ein versteinertes Leben, grau auch das. Kleine Wohnungen, nur kleine Wohnungen.

Die, in der ich lebe, hat braune Holzverschalungen an den Türstöcken und in jedem Raum diese schrecklichen Tapeten, ein Irrtum auch das, geschmacklich jedenfalls. Große Blumen früher, Rauhfaser später. Mein enges Zimmer, ein kleines Fenster und der Ausblick in eine Welt, die nicht anders ist als diese hier: Nachbarhaus, gleiche Fassade, gleiche Fenster, vermutlich gleiche Tapeten, dieselben Menschen, dasselbe Nichts. Wer so aufwächst, wird es später schwer haben.

Gehe ich aus meinem Zimmer, bin ich im lächerlichsten aller Vorräume, außer dem Vierteltelefon fängt nichts Modernes den Blick. Den Terrazzoboden, der dieser Katastrophe ein wenig ihre Dramatik genommen hätte, haben meine Eltern mit einem Spannteppich eliminiert. Was für eine Umgebung, um Kind zu sein. Braune Türstöcke in jeder Wand. Lediglich einer führt hinaus, der zur linken Hand, aber da ist das Stiegenhaus, nur auf den ersten Blick ein weitläufigeres Universum. Tatsächlich spielt dort dasselbe Lied und bis ganz nach draußen ist es noch zu weit für ein Kind. Also bleibt zum Weitergehen der Türstock direkt vor mir, einfach hindurch stolpern.

Und hier nun: meine Eltern. Verstrickt in ein Leben ohne Liebe, ohne Denken. Eingesperrt in ein Zimmer, weil das andere dem Kind überlassen wurde, immerhin eine Geste der Intuition und Großzügigkeit. Ich glaube schon, dass sie mich gemocht haben, und jedenfalls geschieht ihnen mit dieser Schilderung Unrecht, sie haben ihr Bestes gegeben. Ich Jahre später dann auch, aber es ist wohl tatsächlich so, dass die Sünden der Väter die Sünden der Söhne sind. Ich habe, aus ganz anderen Gründen, meiner Tochter nicht mehr ins Leben mitgegeben, als mein eigener Vater damals mir. Und dass das zu wenig ist, viel zu wenig, liegt auf der Hand.

Und ich würde, wenn ich könnte, viele Irrtümer in meinem jüngeren Vater-Kind-Verhältnis gut machen. Aber es ist ein wenig wie das Haus, es steht, und es kann nicht verrückt werden. Zumindest jetzt nicht.

 

Zeit war 30 Minuten. Damit hat dieser Text jetzt wenigsten ein paar Leser gefunden (im Workshop waren wir lediglich zu sechst. Ein Studienkollege war übrigens einigermaßen entsetzt, das ziehe ihn jetzt aber ordentlich runter, hat er gesagt.

Tut mir leid!

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3 Gedanken zu “Die Sünden der Väter

  1. Da waren alle von allen gut, ich würde ja gern auch die Texte der Kolleginnen und Kollegen online stellen, aber geht ja nicht, leider. Der Krimi-Anfang (hoffentlich) ohne Verben war zum Beispiel genial!

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