Vor Gericht

Fast könnte man Mitleid mit dem jungen Mann haben, der Zeuge ist: ein verlorener Mensch, chancenlos wahrscheinlich von Anfang an. Eine sehr einfache Denkweise, vermutlich hat ihm niemand je etwas Sinnvolles beigebracht. Der Richter: geduldig auf der einen Seite, nicht einmal unfreundlich, in Ansätzen streng. Bloß die besserwisserische Belehrung am Ende kann auch er sich nicht verkneifen. Der Kläger: angespannt – dass er gezwungen ist, tatsächlich vor einem Gericht seine Sache zu vertreten, kann er wohl nicht ganz verstehen. Der Beklagte: ein Eisbrocken. Er spricht, wie man das aus dem Fernsehen kennt. Ungemäßigt, ausladend, es gibt vornehmere Rhetoriker.

Situationskomik, unfreiwillig, entsteht durch den Zeugen aus dem Neonazi-Milieu. Im Publikum wird geschmunzelt, weil der Mann auf einem so schmalen Grat zwischen Extremen durch seine Befragung wankt. Seine Ignoranz, die tollpatschige Rechtfertigung aller möglichen Versäumnisse, die tragikomisch formulierten Antworten auf die Fragen des Richters – Mitleid, wie gesagt, könnte man haben. Hätte man nicht gerade erst vor wenigen Tage neuerlich die TV-Reportage aus März 2010 gesehen, in der erzählt wird, dass der Kampfhunde hält und sehr wohl auch zuschlagen kann. Würde er nicht bereitwillig sogar vor Gericht zugeben, dass er zu Hause regelmäßig Nazi-Parolen brüllt, nur zum Beispiel. Gäbe es nicht den Stiernacken, die Skinhead-Stoppelglatze, den Alkohol-Geruch.

Und säße da nicht, bloß vier oder fünf Meter entfernt, jener Mann, der so gerne Abstand von all dem hätte. Und nicht müde wird zu betonen, wie sehr er nichts mit diesen Dingen zu tun haben möchte. Trotzdem gibt es immer wieder: Wehrsportbilder von früher in einem Wald mit Gleichgesinnten, Bilder vom Bier bestellen oder fragwürdige Postings von Facebook-Fans, welche die meisten von uns wohl lieber nicht als Freunde hätten, nicht einmal im Sozialen Netzwerk. Und hätte der nicht dem TV-Redakteur Unglaubliches unterstellt. ORF-Journalist Moschitz hat den FPÖ-Parlamentsklub und seinen Chef wegen übler Nachrede geklagt, heute wurde erstmals verhandelt.

Ich bin als Zuhörer dieser Verhandlung in vielerlei Hinsicht geschockt.

Zum einen, warum ein Kollege, der ganz offensichtlich seine Arbeit auf korrekte Weise erledigt hat, durch hanebüchene Verdrehungen plötzlich gezwungen ist, vor Gericht Selbstverständlichkeiten als Tatsachen bestätigen zu lassen. Ich habe dem Mann vor kurzem länger bei der Arbeit zusehen können – weiter vom Nationalsozialismus entfernt als der ist kaum wer in Österreich. Um das feststellen zu können, braucht es weder Richter noch Gericht, gesunder Menschenverstand genügt.

Wenn man einem integren Journalisten solche Dinge unterschieben kann und Behörden findet, die den Blödsinn tatsächlich auch noch verfolgen – was ist dann in Österreich noch alles möglich?

Zum anderen: Der Zeuge, mit dessen Glaubwürdigkeit es natürlich angesichts seines Auftrittes, seines Werdegangs und seiner Einstellungen nicht zwingend besonders weit her sein muss, belastet in seiner Aussage die Ermittlungsbehörden massiv. Er sei, sagte er heute aus, ebenso wie seine Freundin und ein Freund unter Druck gesetzt worden, Falschaussagen zu machen. Sollte das auch nur im Ansatz stimmen, was ich am liebsten gar nicht glauben möchte, dann gute Nacht, schönes Land.

Außerdem: Der Zeuge beschimpft noch im Verhandlungssaal den beklagten Klubchef der FPÖ aufs Unflätigste, das trägt ihm die Androhung einer Ordnungsstrafe durch den Richter ein. Aber: Strache bleibt völlig ungerührt, unberührt. Wie kalt ist ein Mensch, der so etwas emotionslos über sich ergehen lassen kann? Wollen wir einen Panzer in verantwortlicher politischer Position sehen? Ich: nicht. Der Prozess wurde übrigens vertagt, eh klar.

In der Verhandlungspause habe ich Herrn Strache gefragt, warum schon wieder Nazi-Sager auf seiner Facebook-Page zu finden sind. Er hat sich viel Mühe gegeben, mir zu erklären, wie überrascht er sei, dass ohnehin zwei Mitarbeiter ständig kontrollierten, dass man so etwas nicht dulde und so weiter. Korrekterweise muss ich hinzufügen: Zwei, drei Stunden später waren die ärgsten Postings gelöscht. Aber es steht dort immer noch genug geistiger Müll von Strache-Fans online…

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