Die Wüste Gobi

Manchmal sind die Dinge ja weniger pompös, als sie scheinen. Nicht so dieses, nun ja: Gebäude.

Da haben offensichtlich nicht ganz geschmackssichere Architekten mitten in ein Brüsseler Viertel mit alten Häusern dieses überdimensionale Ding hinein geklotzt, in dem das EU-Parlament Hof hält. Von außen sieht das Monstrum aus wie das schiefgegangene Experiment, einen Flugzeugträger auf tausendfache Größe aufzublasen und danach in ein Haus umzubauen.

Es gibt nur ein Wort für die glasierte Betonage: Katastrophe.

Innen drin ist alles eine Art Stadt für sich, in der die Außenwelt nicht mehr vorkommt. Du hörst zehntausend Sprachen, siehst geschäftige Angestellte wieseln, verwirrte Besuchermassen herumirren, seltsame Beschilderungen Rätsel aufgeben (doch davon ein anderes Mal). Wer sich hier verirrt, findet sein Lebtag lang nicht mehr raus.

Im riesigen Plenarsaal mit seinem Fassungsvermögen rund 750 Abgeordneten spielt eine italienische Gruppe von Bürgermeistern Musik – und zwar nicht wahnsinnig gut, möchte ich anmerken. Weiß der liebe Gott, welches ungnädige Schicksal die hierher geführt hat, wahrscheinlich wollten sie einem ihrer Abgeordneten den Marsch blasen – und geworden ist es eine sehr fragwürdig intonierte Version von „Hold back the night“.

Bin sehr erstaunt, hätte mir als Besucher auf der Pressetribüne eigentlich und irgendwie komplexe Debatten erwartet – und jetzt tröten da unten stattdessen schmachtende Ortschefs aus dem Chaos-Staat…

Begegne dafür gleich mehreren unserer MEPs. Evelyn kenne ich ja schon lange (mit ihrer Schwester seinerzeit gemeinsam studiert) und weiß: Die dient ihre Sitzungen nicht bloß ab, sondern gehört zu den Engagierten mit Anliegen, die was weiterbringen wollen. Sehr gut, dass wir neben den armseligen Strassers auch so jemanden in der Hauptstadt unseres Kontinents sitzen haben.

Frau Regner bekommt demnächst Verstärkung und ich freue mich wirklich sehr, Ihnen erzählen zu können, dass ich in der Moralwüste Gobi doch wieder einmal einen ganz offensichtlich anständigen Politiker kennengelernt habe: Josef Weidenholzer, Volkshilfe-Chef und Linzer Universitätsprofessor, wird ab Dezember die SPÖ-Delegation im EU-Parlament bereichern und Österreichs Anliegen in Europa vermutlich recht ordentlich vertreten.

So viel steht nach einem längeren Gespräch und mehreren Bieren pro Nase fest: In den Mann kann man Vertrauen setzen, was heutzutage ja eher nicht selbstverständlich der Fall ist, blickst du einem Politiker ins umfragenverquollene Antlitz…

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