Als ich nicht Segelboot-Käptn wurde

Gestern Abend, bevor ich zum Abendessen eingeladen war: Punsch – eh klar, so kurz vor Weihnachten. Irgendwie kam dabei das Gespräch darauf, dass ich vor rund zwölf Jahren ungefähr folgende Idee hatte:

Der Ruf des Geldes zog mich damals nach Wien, ich wurde Unternehmenssprecher einer großen Telekom-Firma. Ein echter Stress-Job, ich habe vorher noch nie und nachher nie mehr so viele so junge so gut ausgebildete so engagierte Menschen auf einem Fleck gesehen, die alle voll keinen Plan haben. Weil einer der beiden Vorstände auch ein wenig, nun ja, sagen wir: konfus war, ging eine Zeit lang alles ziemlich drunter und drüber. Aber egal, ich will jetzt nicht abschweifen, jedenfalls, meine Absicht war diese:

Drei Jahre wollte ich super verdienen, dann wieder heim nach Graz, vom Ersparten aus dieser Zeit eine Segelyacht kaufen. C, die ich damals lieb hatte, würde dann mit ihrem Psychologie-Studium fertig sein und winters in ihrer eigenen Praxis Patienten therapieren. Ich würde mich in diesen Monaten des grauverhangenen österreichischen Himmels samt Schiff irgendwo in wärmeren Gefilden als Skipper verchartern und Sehnsucht nach meiner Freundin daheim haben. Im heimischen Sommer würde C dann die Praxis zusperren, zu mir kommen und wir lebten fünf oder sechs Monate lang das freie, unbeschwerte und glückliche Leben zweier Schiffsleute am großen Schwapp um das eine oder andere Kap.

Retrospektiv betrachtet muss ich sagen, dass der Plan gewisse Schwächen hatte. Außerdem hier und da nicht vollstandig durchdachte Problemzonen. Genau genommen war überhaupt nichts durchdacht und es gab nur Problemzonen.

Abgesehen davon, dass ich zuvor noch nie auch nur einen Fuß auf ein Segelboot gesetzt hatte (habe ich bis heute nicht) und den Telekom-Job nach knapp zwei Jahren wieder hinschmiss (zuviel Schwachsinn in zu kurzer Zeit auf zu engem Raum) – irritierte mich bereits das Abschiedsgeschenk meiner damaligen Mitarbeiter: ein Buch über „Seemannschaft“. Der Wälzer hatte ungefähr 93.000 Seiten, war voll mit komplexen Zeichnungen samt mathematischer Formeln und Navigationsskizzen – von denen mir auf den ersten Blick klar war, dass ich sie nie verstehen würde.

Ich bin auch kein großer Sparmeister und gebe es für gewöhnlich weiter, wie´s kommt. Also reichten die tatsächlichen Ersparnisse aus zwei Jahren harter Arbeit dann gerade einmal für ein neues Auto, ein Jahr sorgenfreies Leben und, hätte ich das gewollt, vielleicht auch noch für ein Schlauchboot mit Außenborder. An eine Segelyacht war nicht zu denken. C war längst über alle Berge, die Wochenend-Beziehung zwischen Graz und Wien hatten wir unter meiner tatkräftigen Mithilfe leider vergeigt.

Ich besuchte zwar noch, mehr aus Formalgründen, die Bootsmesse in Tulln: So ohne Wenn und Aber verabschiedet man sich als anständiger Mensch nicht von einem Traum und ein Mann muss sowieso tun, was er tun muss. Beim Anblick all der schrägen Freizeitkäptns dort – erschreckend, wie viele Menschen sich eine Matrosenuniform anziehen und eine Kapitänsmütze aufsetzen, ohne auch nur in der Nähe eines Meeres zu sein – wußte ich umgehend: Das lässt du lieber bleiben.

Statt in See zu stechen, begnügte ich mich mit dem Konsum einiger Star-Trek-Folgen auf DVD, da kommt auch ein Schiff vor (Raumschiff, Segelschiff, wen juckt´s) und verzog mich für längere Zeit in die innere Emigration.

Aber selbst heute noch – wenn ich in einer Hafenstadt bin (zum Beispiel in den nächsten Wochen sicher das eine oder andere Mal aus arbeits- und studientechnischen Gründen in Triest), schau ich mir liebend gerne die Boote an. Und denke daran, wie das damals war, als C noch da war und ich Käptn werden wollte, auf meinem Segelboot, das ich noch gar nicht besaß.

Gestern nach dem Punsch dann zu Gast bei lieben Freunden und ich habe etwas dazu gelernt – das sind für mich nämlich voll fette Homis. Sie werden sicher keine Ahnung haben, was das bedeutet, aber: Sollten sie ungefähr 16jährige Jugendliche unter Ihren Verwandten haben – die werden es Ihnen sicher erklären. (Es ist natürlich was Gutes.)

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3 Gedanken zu “Als ich nicht Segelboot-Käptn wurde

  1. So ähnlich war unsere Geschichte, doch wir haben es gemacht. Noch nie einen Fuß auf dem Segelboot gehabt und doch 2006 einfach mal ein vernünftiges zum Reisen gekauft. 2008 Ostsee umrundet, 2009 zum Nordkap, 2010 über Rhein und Donau zum Schwarzen Meer (auch in Tulln gewesen). 2011 von Zypern quer durchs Mittelmeer bis Frankreich und über Rhone, Mosel zurück nach Deutschland.

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