Auguri, piazza!

Vor exakt zehn Jahren, Neujahrstag, Bologna. Die Piazza Maggiore im Zentrum ist ein Ort im langsamen Aufwachen nach der großen Silvester-Schlacht. Wie der Jahreswechsel in dieser fetten Stadt verläuft, zu der die Einheimischen passend und gerne „La Grassa“ sagen:

Der 31. Dezember passiert dort stilvoll, rund um den Hauptplatz sammeln sich gut gelaunte, liebe latinische Menschen, alle paar Meter wird feine Straßenkunst zelebriert. Nichts ist laut, nichts pompös, alles gediegen. In samtig raschelnder Erwartung sitzen die Menschen in den Cafés, schauen den Performances zu, freuen sich auf das neue Jahr. Dann abends alles anders, rohe Menschenmassen schieben sich über den Platz, quetschen sich in die engen Seitengassen, die in die umliegende Altstadt führen. Man muss Angst haben, mehr als ein viertel Quadratmeter bleibt nicht zum Stehen. Man geht dorthin, wohin der Strom einen spült, von oben fallen Flaschen, die Besoffene (und davon gibt es genug) in die Luft geworfen haben. Keine einzige zersplittert, es gibt einfach zu viele Menschen, als dass etwas den Weg auf den Boden finden könnte. Ein Alptraum, wer das einmal mitgemacht hat, fährt an diesem Abend dort nie mehr hin.

Dann der Neujahrstag, die Szenerie ist mit einem Schlag friedlich geworden. Reste des Feierns überall, langsam erwacht die wieder freundliche Stadt. Ein paar Betrunkene torkeln herum, sind aber niemandem lästig. Glasscherben liegen ab und zu doch am Boden, in Ecken. Einzelne Cafés sperren auf. Ich stehe gegenüber dem Dom, der einst als Prachtbau gedacht war, dann jedoch unverschalt und somit unvollendet mitten in den letzten Zügen der Bauphase steckenblieb. Der befreundete Architekt Gabriel hat mir ein Jahr zuvor eine lustige Geschichte erzählt, wie man im Mittelalter die Statik protzender Kirchen plante, aber davon ein anderes Mal.

Neben mir steht Claudia, wir haben die Vortage damit verbracht, sämtliche Schuhgeschäfte der Stadt auf der Suche nach einem passenden Paar Stiefel abzuhaken. Frauen halt, wenn sie in Italien sind und ihre Kreditkarte dabei haben… Schließlich wurde man fündig, jetzt ist Claudia entspannt. Ich bin das in italienischen Städten ohnehin so gut wie immer, die Menschen sind leicht, du bekommst einen guten Espresso und selbst die überall vorhandene Hektik hat im furiosen italienischen Stadtleben etwas Beruhigendes.

Ich schaue den Dom an und grüße. Getragen nickt er zurück. Von rechts hinten tritt ein junger Bolognese neben mich, er wankt leicht, in der Hand hält er eine halbleere Flasche Sekt, in der anderen eine glimmende Zigarette. Nachdenklich überblickt er den Platz, aber nichts scheint seinen Blick zu fangen. Also hebt er die rechte Hand, streckt die Flasche gegen den noch ziemlich fahlen Himmel. Er holt tief Luft und ruft dann konzentriert und laut in den kalten Morgen:

Auguri, piazza!

Dann verschwindet er in den Tiefen der Arkadenbögen, welche in Bologna fast allen Innenstadthäusern vorgebaut sind. Weil ich auf der Piazza Maggiore stand und damit wohl in diesem Moment Teil von ihr war, galt der Neujahrswunsch mit Sicherheit auch mir, ich war eingeschlossen. Und murmelte – Kosmopolit, der ich gerne wäre – ein leises Grazie!

2002 ist dann zwar nicht wirklich super geworden, aber alles in allem kein so schlechtes Jahr. Wer weiß, was alles passiert wäre, hätte der junge Mann mir, Claudia und dem Platz nicht alles Gute gewünscht.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s