Triest

Einen ganzen Tag lang vom in Triest lebenden Krimiautor Veit Heinichen die Stadt gezeigt zu bekommen, das hat was. Bist du auf Recherche zu einer Geschichte (in diesem Fall ein Radio-Feature) kann dir das: glatt passieren.

Bild 5Ein echtes Privileg: Heinichen holte mich im kleinen Hotel Riviera direkt neben dem Schlösschen Miramare ab, chauffierte mich höchstpersönlich an die schönsten Plätze, nahm sich viele Stunden Zeit. Wir saßen zum Beispiel lange auf den breiten, abgeschabten Quadern des Molo Audace, Triests langgestrecktem Finger in die Adria. Eine unglaublich warme Jänner-Sonne schien, entspannte Menschen promenierten vorbei und der bekannte Mann erklärte mir die Stadt. Dann eine besondere Geste für den Gast aus Österreich: Heinichen transportierte mich in die Faltenwürfe, mit denen sich Triest über die Hänge des Karst zum Meer hinunter ausbreitet – Lebensgefährtin Ami Scabar betreibt dort in einer verschwiegenen Seitenstraße mit ihrem Bruder das beste Restaurant der Stadt, wie Heinichen sagt. Und Recht hat er, wie ich sage.

In so einem Fall musst du die Gunst der Stunde nutzen und den Dingen ihren Lauf lassen, also ließ ich die Speisekarte Speisekarte sein und bat um was auch immer die Chefin des Hauses mir vorzusetzen gewillt war. So folgten viele Gänge lang liebevoll komponierte Miniaturen aus der Triestiner Küche, begleitet vom sagenhaften Karst-Wein, dessen charakterliche Ruppigkeit sich an den Gaumen schmiegt wie honiggelber Saft. Olfaktorisch breitet er sich in immer neuen Duft-Varianten in den riesigen Gläsern aus, in denen er – bloß nicht zu kalt – zu servieren ist. Diese Traube, die Vitovska, gibt es sonst nirgendwo auf der Welt, eine endemische Rarität.

Ehrlich: Sie müssen dort unbedingt hingehen, wenn Sie in Triest sind und vom kulinarischen Schatz der Region kosten wollen. Entnehmen Sie die Details am besten der Website, indem Sie einfach hier klicken. Wie im Restaurant Scabar gekocht wird, hat das Paar Ami Scabar / Veit Heinichen übrigens in dem Büchlein „Stadt der Winde“ ausgiebig und lustvoll beschrieben.

Bild 4Veit Heinichen ist in Triest alles andere als ein Unbekannter. Er kann sich zwar halbwegs lose in den Straßen der Stadt bewegen, ohne ständig von den Massen verfolgt und angesprochen zu werden. Aber an allen Ecken trifft er auf Freunde, mehr als 20 Jahre vor Ort haben ein ordentliches Reservoir an sozialen Beziehungen vollaufen lassen. Vom Bürgermeister abwärts über den Polizeichef bis zum Senator im Ruhestand kennt Heinichen alle. In der Gran Malabar auf der Piazza San Giovanni ist er überhaupt so etwas wie zuhause – und jeder Zweite klopft dem Freund auf die Schulter, sobald der das Lokal betritt. Barchef Walter Cuzmich etwa stellte umstandslos eine weitere Flasche Vitovska auf den Tresen, die er sich partout nicht bezahlen lassen wollte. Veit hat ihn bestellt, ich hab ihn gebracht und du trinkst ihn einfach, befahl er mir in einem Ton, der Widerspruch von vorneherein ausschloss. Wer bin ich, dass ich mich da widersetzen wollte?

Was kann ich Ihnen über den Autor erzählen? Er ist herzmäßig längst kein singulärer Deutscher mehr, wohl mehr europäischer Italiener. So fährt er auch Auto, seinen Alfa prügelt er gandenlos couragiert durch den Samstagnachmittags-Verkehr an den Rive. Er ist freundlich, lacht gerne, besitzt angenehme Einstellungen zu Leben und Politik, spricht bereitwillig, unprätentiös und höchst professionell über seine Arbeit (die volle Story können Sie hier lesen oder hier hören) – und: liebt die Stadt. Einen besseren Werber in eigener Sache könnte Triest nicht finden.

Und wissen Sie was (ich mag die Stadt ja auch schon seit vielen Jahren und komme immer wieder tageweise): Triest verdient diesen enthusiastischen, detailverliebten und kundigen Botschafter auch.

Ein super Weg übrigens, Stadt und Städter kennenzulernen – lesen Sie die Proteo-Laurenti-Krimis, die alles sind: Kriminalroman, Reiseführer, sozialer Wegweiser, Speisekarte, Unterhaltung und zeitgeschichtlicher Nachhilfeunterricht zu einer Region am Schnittpunkt von Kulturen und Zeiten.

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2 Gedanken zu “Triest

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