Das traurige Schloss

Ich wohne in Triest meistens im Hotel Riviera. Ein Wunder ist dessen Lage ein paar Kilometer außerhalb der Stadt beim kleinen Ort Grignano, in Nachbarschaft zum Schlösschen von Miramare. Direkt aus dem Zimmer eröffnet sich ein Blick über den gesamten Golf, hinunter bis zum Dom von Piran auf der einen und hinüber bis Grado auf der anderen Seite. Das Meer, die Muschelbänke, ein paar Tanker draußen im Golf, die eine oder andere Segelyacht wischt vorbei – genaus das siehst du von deinem Bett aus, wenn du morgens die Augen aufmachst. Jeden Tag könnte ich so aufwachen.

Über ein Treppchen geht es 30 Meter hinunter zum Wasser. Der Spaziergang hinüber zum Segelhafen von Grignano führt an einer Bar vorbei, wo sich morgens formidabel ein Espresso nehmen lässt, und zwar italian style. Du gehst also rein, rufst noch vom Eingang dem Chef un caffé per favore zu, wirfst lässig die in der Hosentasche bereit gehaltene Münze auf den Tresen, schlürfst das heiße Ding in ein, zwei Minuten. Und gehst ab.

Durch das schmiedeeisene Tor hinauf in den Schlosspark, vor zum Castello, in der Vormittagssonne sitzen und aufs Meer schauen. Zwweieinhalb Autostunden von Graz entfernt geht sowas, es ist großartig.

Ich schiebe an solchen Vormittagen gerne auch immer wieder eine Tour durch das Schloss ein, vermutlich bin ich der am öftesten zahlende nicht-Dauerkartenbesitzer. Aber ich mag es, durch die gut erhaltenen Räume zu schlendern, Prinzessin Charlottes verstecktes Badezimmer zu bewundern, Erzherzog Maximilians Schlafzimmer (jawohl, das Ehepaar geruhte in der Regel, getrennt zu nächtigen), welches seiner Kajüte auf der Novara detailgetreu nachempfunden ist. Mit diesem Schiff hatte er eine lange Forschungsreise absolviert, bevor er mit dem Bau des Schlosses begann.

An den schwer tapestrierten Wänden diverse Bilder gekrönter europäischer Häupter, man erkennt an den gestreng bis betrübt in die Welt blickenden Damen und Herren: kein leichtes Schicksal, aus einem Herrscherhaus zu stammen.

Ich bin auch immer ein bissl traurig, weil das Castello eine menschlich so schwere Geschichte hat. Um sie erzählen zu können, muss man Erzherzog Maximilians Charakter verstehen. Der war, obwohl einer der Söhne des österreichisch-ungarischen Kaisers, kein geborener Imperator. Viel eher Forscher, Ingenieur, Künstler – weichgezeichnet und am Erkennen interessiert, nicht am Beherrschen. So einer hatte damals keinen leichten Stand in einer Kaiserfamilie. Weil er außerdem jünger als Bruder Franz-Josef war, hatte er ohnehin keine Chance auf die Thronfolge. Aber Maximilian litt unter der mangelnden Anerkennung durch die Familie und wusste nie, wo er zuhause war – beim Regierungsgeschäft oder bei den Wissenschaften und Künsten.

Pech, dass genau so einer dann auch noch eine Frau heiratet, die ehrgeizig und streitsüchtig Ende nie ist, eine bissige Funzn sozusagen, von adeligem Blut. Trotzdem bauten sich Maximilian und Charlotte aus dem belgischen Königshaus am Kap vor Triest in einigermaßen trauter Zweisamkeit dieses Märchenschloss. Und Maximilian plante, hier das gediegene Leben eines Künstlers, Mäzens und Forschers zu leben. Das Castello samt anzulegendem Park sollte genauso werden, wie das Paar es sich wünschte. Man baute rasch, benötigte aber dennoch Jahre. Es gibt ein Bild von einem Besuch Kaiserin Sisis, als dann schließlich endlich alles fertig war.

Doch dann konnte Charlotte, so in etwa ist es überliefert, wohl nicht mehr an sich halten und drängte ihren Gatten, doch noch eine gewichtigere Rolle in der Politik zu spielen. Maximilian ließ sich vom französischen Kaiser Napoleon einkochen und dazu hinreißen, die Kaiserkrone Mexikos anzunehmen, welche ihm dieser anbot. Man kappte alle Verbindungen zu Österreich-Ungarn, Max unterzeichnete einen Thronfolgeverzicht. Nachdem das junge Ehepaar im schneeweißen Traumschloss von Miramare gerade ein Jahr richtig glücklich gewesen war, schiffte man sich im kleinen Schlosshafen nach Veracruz ein. Ein großes Gemälde im Schloss zeigt diesen Abschied.

Der einer für immer wurde, Maximilian hat sein Traumschlösschen nie mehr wiedergesehen. Napoleon hatte mit der Unterstützung französischer Truppen im fernen Mexiko ebenso übertrieben, wie mit der Sicherheit der Lage vor Ort. Tatsächlich war ein europäischer Kaiser dort unerwünscht, die Besatzungsmacht Frankreich weit weg, unter Benito Juarez probten die Mexikaner den Aufstand. Erfolgreich, Kaiser Max wurde nach kurzer Zeit festgesetzt, vor ein Erschießungskommando gestellt und sah weder Charlotte, noch Miramare oder Österreich wieder.

Seine zänkische Frau kehrte zwar nach Triest zurück und lebte noch kurz in Miramare, verfiel aber ziemlich rasch dem Wahnsinn. Sie endete in einem Irrenhaus. Wirklich in Ruhe und Glück gelebt haben die beidem in Miramare nie.

Das Castello stand leer, dann zog für einige Jahre der Herzog von Aosta ein, schließlich wurde es im zweiten Weltkrieg zum Hauptquartier der Nazis für die Region. Dann übernahm der Staat das wunderschöne Schloss mit seiner traurigen Geschichte, konservierte es – und heute ist es samt Park ein zauberhafter Platz für Triestiner Spaziergänger und Touristen.

Nirgendwo sitzt, liest oder schreibt es sich so schön, wie auf der dem Meer zugewandten Seite, wenn einem die Sonne ins Gesicht scheint und die Mauer aus weißem Stein den Rücken wärmt. Ein spezieller Ort.

Für die Geschichte des unglücklichen österreichischen Erzherzogs könnte es ein Happy-End gegeben haben. Ein südamerikanischer Historiker fand vor einigen Jahren einen offensichtlich europäischen Tischler, der in El Salvador lebte und irgendwann als steinalter Mann in den 1920er-Jahren starb. Obwohl der Mann in einfachen Verhältnissen lebte, hätten Zeitgenossen sich stets über seine Bildung und die gediegenen Umgangsformen gewundert. Der Historiker behauptet: Es handelte sich um Kaiser Max aus Österreich, möglicherweise wurde unter seinem Namen ein anderer erschossen. Juarez habe einem Kuhhandel zugestimmt, um sich Probleme mit dem Kaiserhaus Habsburg-Lothringen zu ersparen.

Ich bin zwar skeptisch, ob das so ablief – und fürchte, Maximilians Leben könnte wohl doch vor dem Erschießungskommando geendet haben. Aber vor dem großen Bild von der Ausschiffung nach Mexiko stehend, denke ich jedesmal gerne an diese Geschichte. Dann ist der Gedanke, dass hier einer gerade endgültig den Platz in Richtung Desaster verlässt, an dem er glücklich hätte werden können, nicht ganz so traurig.

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