Dirty Old Town

Warum nicht einmal ein kleines Experiment wagen – ich schreibe nicht selbst, sondern übersetze, mehr oder weniger. Sehen wir einmal, wie das klappt. Also:

Meine große Liebe traf ich zum ersten Mal an der Mauer des aufgegebenen Gaswerks der Stadt, an der ein verwachsener Spazierweg entlang führte, eingeklemmt zwischen dem alten Kanal und den vielen Fabrikshallen. Abgewetzte kleine Pflasterquader, Moos und Efeu, Glasflaschen, Altpapier immer wieder am Rand unter den Flechten. Dort wurden schon viele Träume geträumt. Kaum einer der Arbeiter in den Werken, der nicht daran gedacht hatte, wie es sich wohl anfühlen mochte, Geld zu haben. Früher einmal, viel früher: Wie es wäre, eines der Schiffe zu besteigen, die dorthin fuhren, von wo man dachte, dass es keinen Hunger gibt und alles viel größer ist. Was es nicht war, wie dann die meisten von denen herausfanden, die Mut oder Verzweiflung genug hatten, einen entschlossenen Schritt in ihren Traum hinein zu wagen. Und diesen Entschluss dann spätestens nach Tagen auf einem der Decks der verschmutzen Kähne bereuten, als sie in der großen Einwanderungshalle der fremden und unbunten Stadt standen, in die es sie hoffnungsvoll getrieben hatte. Und wo man ihnen, den Neuankömmlingen, gleich als erstes den Namen nahm und damit auch noch die Reserveration Würde, die sie in ihr neues Leben herüber retten konnten und welche sie sich für den allerletzten, allerschlimmsten Moment aufsparen hatten wollen, sollte er einmal kommen.

Mein Traum hingegen an dieser Fabriksmauer, damals, als ich die große Liebe traf, sah ganz anders aus. Am schwarzen Wasser des Kanals, den sie vor einer Ewigkeit angelegt hatten, dachte ich an die Frau, die ich gerade küsste. Es war eine schöne Nacht. Auf der einen Seite hinter den Dächern der Lagerbaracken das Meer, dessen Wellen man am Strand scheuern hören konnte. Auf der anderen Seite, hinter Schornsteinen, Verladerampen und Bürogebäuden: die verdreckte Vorstand. Erst danach das pralle Leben der Innenbezirke mit ihren Bars, Boulevards, Parks und dunklen Ecken, in die sich Liebespaare genauso verdrücken konnten wie Betrunkene. Ich küsste also meine Frau am Spazierweg bei der Gaswerksmauer, im Vorhof dieser schmutzigen Stadt, die später meine große Liebe wurde.

In dieser Nacht schmierten die Wolken gespenstisch am Mond vorbei, der mit seinem Lampenlicht kein Ding bloßstellt, aber alle richtig einordnet. Die Katzen schrien in ihrem eigenen Rhythymus, den niemand verstand. Die ersten wärmeren Nächte hatten sie aufwachen lassen, zogen sie wieder hinaus in den langen Atem des aus der Winterstarre in seine volle und schöne Jugend wachsenden Jahres. Frühling war in dieser alten Stadt, in der sich der Glamour für den Rest des Jahres nur auf wenige Straßenzüge beschränkte, immer schon eine spanische Zeit. Man sang, lachte, wurde fett und die streunenden Fabriksviertelkatzen tanzten. Das Leben täuschte plötzlich Leichtigkeit vor. Und jeder ließ sich einlullen: Katzen, Hunde, Vögel, Spaziergänger, Tier und Mensch. Alle glaubten sie an die verführerische Melodie, wenn die Tage plötzlich wieder länger wurden, die Luft weicher und die Sonne freundlicher. Alle vergaßen sie, dass auch der Frühling nicht mehr ist als bloß ein Mädchen, aus den Straßen der Nacht.

Dirty old town, Folge 1. Sollte es Ihnen gefallen, übersetze ich später weiter und es folgt: I heard a siren from the docks… Und P.S. (falls Sie sich das Video ansehen, was ich schon sehr empfehle, damit Sie sich überhaupt auskennen): Fuck Bush! muss man eh nicht übersetzen, oder?

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Ein Gedanke zu “Dirty Old Town

  1. Treue und Freiheit — Freiheit der sinngemäßen Wiedergabe und in ihrem Dienst Treue gegen das Wort — sind die althergebrachten Begriffe in jeder Diskussion von Übersetzungen.(sagt Walter Benjamin)Ich denke Treue und Freiheit passt zu deinem Experiment 😉

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