Dirty Old Town, Folge 2

…und weiter geht es ab dem Gstanzerl Nummer 3: I heard a siren from the docks…. Also, wir sind noch immer in Dublin und diese Nacht:

So weiß war der Mond, dass ich in seinem blassen Schein sogar das schöne Rot von Róisíns Lippen erkennen konnte. Aber es gibt Frauen, von denen wir sagen, sie seien nach dem Erlebnis der Liebe in die Ferne gerückt, zu den Sternen hinauf, und sie seien nichts als eine Erfindung des Herzens.

Als wir uns küssten, schnitt von den Docks eine Sirene durch die Nacht. Ein Schiff, das auslief und die Stadt zum Abschied grüßte. Ich hörte den quälenden Ton und wusste, es wird nichts werden mit dieser Liebe. Hinter den Baracken schrammte ein Frachtzug über Geleise, ratternd, seine Scheinwerfer ließen die Ziegelsteine flackern, Fensterglas blitzte, als schickten die Fabriken der Nacht Funken in ihren Himmel. Dann waren die Waggons vorbei, die Sirene still, Róisín und ich hatten uns von dem Lärm nicht beirren lassen. Aber es half nichts. Ich wusste, das alles würde vergehen, ohne dass etwas bliebe. Ich roch den Frühling, spürte die bittere Luft aus den alten Schornsteinen, von denen wenige noch in Betrieb waren, schmeckte den Ruß. Er trieb herüber zu uns und dann weiter durch die Vororte, hinein in das Herz der schmutzigen Stadt, wo er sich mit dem Flirren der Menschen mischte. Ich roch diesen Frühling und wusste, dass es nichts werden würde mit der Frau, die ich küsste.

Der Abschiedsgruß des Schiffes war mein Zeichen, das mich los schickte in ein Leben, in dem es keine Róisín mehr geben würde, keine Liebe, nicht einmal einen Mond über mir. Nur die schmutzige Stadt, in der ich ab dieser Nacht für immer blieb und die meine Liebe wurde, weil nichts anderes mehr da war.

Manchmal tauchen Geister aus dem Nichts, die jagen dich. In den weichsten Momenten fegen sie durch deinen Kopf, aus der Vergangenheit die bösen, aus der Zukunft die noch viel schlimmeren. Du denkst gerade, das Leben wird sanft, und dann lassen sie dich Dinge tun, die du nicht erklären kannst, aber die für dich alles zu Ende führen, noch bevor es einen Anfang hat. Róisín hätte mein Anfang sein können, aber ich sah diese alte Axt an der Mauer lehnen, ein verstockter Fluch aus welch schrecklicher Welt auch immer. Im Mondlicht flammte ihre verrostete Schneide wie Feuer, viel zu hell für mich, viel zu verlockend. Was ich tat, was mich trieb, was mich führte, ich weiß es nicht. Aber es war leicht. Manchmal reichen kurze Augenblicke, in denen du nicht der Mensch bist, der du bisher immer warst – und ab da kannst du dann nie mehr dieser Mensch sein, weil du etwas getan hast, das alles anders macht.

Die Axt ließ ich fallen, sie klimperte zärtlich auf die kleinen Quader des Weges, tänzelte kurz, kam zur Ruhe. Still lag sie da, die Katzen schrien, die Nacht duftete nach April. Und ich ging hinein ins Herz der schmutzigen Stadt, wurde mit jeder Minute, mit jedem Glas, das ich trank, mehr zu ihrem Bewohner. Der Schnaps brachte mir Erleichterung, wenn ab und zu Róisín vor meinen Augen vorbei stob, die jetzt draußen lag, an der Mauer des alten Gaswerks, rot ihre Lippen und rot ihr Blut.

Sie kamen schnell und zu Beginn tat es weh, später nicht mehr. Jetzt bleibe ich hier für den Rest meines Lebens und denke an die Frau, von der ich immer schon wusste, dass es nichts mit ihr werden würde, aber nicht warum. Ich sitze und suche durch die Stäbe im Fenster den Mond, den ich nicht finden kann, weil er zu hoch für das kleine Loch in meiner Zelle steht. Und ich weiß, dass diese Stadt und die Liebe zu ihr alles sein wird, was bleibt. Bis es zu Ende ist. Die Geister werden noch einmal kommen und dann wird es vorbei sein.

Übrigens: Auch wenn die Geschichte natürlich keine Übersetzung ist, sondern eine, sagen wir: sehr freie Weiterentwicklung (vermutlich zum Schlechteren) des lustigen Liedchens von den Pogues – ich habe trotzdem geklaut. Bei Antoine de St. Exupéry. Kleines Rätsel: Wissen Sie, an welcher Stelle das in diesem Post – und in jenem vom 18. Februar – jeweils der Fall ist?

Coole Kombi übrigens, finde ich: St. Exupéry und die durchgenkallten Pogues. Das hat schon was, oder? Und ich bitte um Entschuldigung für die teilweise wirklich kitschigen Textpassagen – ich bin halt auch nur einer von vielen Journalisten, die gerne Autoren wären, es aber nicht gut genug können.

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