Spinster of Arts

Ich sag Mini-Bachelor-Arbeit dazu, sie hat ja immerhin zehn Seiten, erklärt der Typ im Kaffeehaus am Tisch neben mir selbstbewusst seinem Gesprächspartner. Der schaut ein bissl konsterniert und fragt: Das schreibst aber so nicht hin, oder? Doch, insistiert der Mann, sie darf ja gar nicht länger sein, mehr als 30 Seiten soll sie nicht haben.

Jetzt ist das zwar schon ein Unterschied, ob zehn oder 30 Seiten, aber: ein Grazer in Graz halt. Als ich, vor gut 25 Jahren, Publizistik studierte (auch kein wahnsinnig komplexes Studium), war zehn bis 30 Seiten ungefähr der Rahmen für eine Seminararbeit zum Abschluss einer Semester-Übung. Aber das war in Wien, dort ist das Leben ein wenig ernsthafter, was vermutlich auch für die Unterschiede zwischen der Wiener Universität und der Grazer FH am Campus 02 gilt.

Ein wenig würde ich da schon aufpassen, warnt der Gesprächspartner zwar, sichtlich jemand mit bereits erfolgtem Studienabschluss. Ah wos, schüttelt der angehende FH-Absolvent den Kopf. Ich auch, schreibe ich doch hier gerade an der Dokumentation zu meinem eigenen Master Piece, Abschlussarbeit für den Master an der Donauuniversität (bin bei Seite 87, alles in allem, und es werden wohl noch einige folgen).

Ich sage nur: Bologna. Von der reinen Dauer her ist zwar alles schwieriger geworden, aber inhaltlich?

Vor der europaweiten Universitätsreform musstest du zumindest vier Semester ordentlich studieren, eine Diplomprüfung ablegen und hattest dann: genau nichts.

Noch einmal vier Semester in Mindestfrist, dann Diplomarbeit, also wissenschaftliches Arbeiten, und eine halbwegs schwere Prüfung, dann warst du Magister. Jetzt: sechs Semester und eine – offensichtlich – maximal 30 Seiten starke Arbeit, schon bist du Bachelor. Dauert zwar ein Jahr länger, bringt aber in Sachen akademischer Titel mehr und ist wohl einfacher. Für einen Master studierst du jetzt im Idealfall fünf Jahre, früher für einen Magister waren das vier. Aber der Magister war ganz offensichtlich schwieriger zu erlangen, als der Master – auch wenn beides dasselbe bedeutet. Latein oder Englisch, wen juckt das schon.

Irgendwie hat Bologna unser Bildungssystem schon ziemlich auf den Kopf gestellt. Und ich weiß nicht, ich weiß nicht: Ob´s früher nicht sinnvoller war?

P.S. Abgesehen von der Frage, was in Bologna-Zeiten Wiener Kaffeehauskellner jetzt zu Gattinen fertiger Akademiker sagen sollen (siehe auch Blog vom 28.8.2011) – vor allem der Titel „Bachelor“ wirft weitere Fragen auf. Wir müssen das ja heutzutage alles gendern, und ein weiblicher Bachelor ist aber auch schon wirklich sowas von total unkorrekt.

Wie sagen wir da am besten, nur zum Beispiel: „Spinster of Arts“?

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