Undifferenziertes Kopfschütteln

Gestern Abend.

18:00 Uhr. Ein wenig verspätet bekomme sogar ich mit – das Audimax der Wiener Universität wurde wieder einmal besetzt. Ich bin zwar meistens mit einem Teil der studentischen Forderungen nicht einverstanden (das war schon letztes Mal so), habe aber große Sympathien für die Jungs und Mädls, weil direkte Demokratie, für etwas eintreten und so weiter. Außerdem muss man Studenten viel mehr Freiraum und auch blöde Aktionen zugestehen, will man später einmal mündige Entscheider haben, die dem Staat nicht alles durchgehen lassen.

18:15 Uhr. Verfolge auf Twitter, Facebook und in der APA das Geschehen. Aber außer einer nicht sehr aussagekräftigen Meldung und einem OTS-Text bringt die APA nichts. Was ist da los? Lese den Grund auf Twitter: Die Polizei hat den Kollegen ganz offensichtlich einfach den Zutritt zum Audimax verweigert.

18:45 Uhr. Zwitschere die Tweet-Absenderin an und biete ihr an, die Innemini zu fragen, was das denn alles soll. Bitte darum!, twittert Frau Maurer zurück. Gehe ins Inneministerium, wo man einjähriges Jubiläum der aktuellen personellen Besetzung im Rahmen eines lange geplanten Hintergrundgesprächs feiert.

19:15 Uhr. Seavas, lang nicht mehr gesehen, sagt die Frau Ministerin jovial (wir waren viel früher einmal Arbeitskollegen) und haut mir freundschaftlich recht kräftig auf die Schulter. Das Abfeiern beginnt, Johanna erzählt, wie super alles in ihrem ersten Jahr im Amt gelaufen ist. Dank an alle (ziemlich umfassend anwesenden) Sektionschefs und so weiter, Dank an Staatssekretär Kurz. Dann ist nämlicher am Wort, dieselbe Prozedur. Zu den Ereignissen einen knappen Kilometer weiter: kein Sterbenswort.

20:30 Uhr. Erfülle mein Versprechen an Sigrid Maurer und frage, wie´s denn eigentlich an der Uni aussieht. Sie können mir glauben, sagt Frau Ministerin (registriere: öffentlich sind wir also per Sie), wir haben alles voll im Griff. Bin versucht darüber nachzudenken, ob das ein Grund sein könnte, um die Gesundheit der Studenten im Audimax zu fürchten, weil unsere Polizei ja nicht so zimperlich ist, wenn sie alles im Griff hat. Der anwesende General Lang erhält jedenfalls die Anweisung, per Telefon noch einmal vor Ort nachzufragen. Von meinen Kollegen (so um die 25 Medienvertreter waren da) sagt keiner ein Wort. Entweder haben sie noch weniger von der Besetzung mitbekommen als ich, oder sie trauen sich nicht oder es ist ihnen einfach wurscht. Draußen wartet immerhin ein nettes Buffet. Denke mir jedenfalls: Wenn Studenten ihre Universität besetzen, die Polizei in ganz großem Rahmen aufmarschiert, Medien an der Berichterstattung gehindert werden (falls das wirklich so war) und zeitgleich gibt die Innenministerin eine Pressekonferenz – dann sollte man dort als Journalist schon nachfragen.

20:45 Uhr. Der General kommt nach Ende der Veranstaltung zu mir und informiert mich freundlich: 200 Studenten seien zu Mittag ins Rektorat eingedrungen, hätten eine Sekretärin verletzt, aber eh nicht schlimm, und sich dann ins Audimax begeben. Dort seien sie jetzt, alles sei ruhig. Ob geräumt wird, frage ich. Undifferenziertes Kopfschütteln. Wie das mit dem verweigerten Zutritt für die APA sei. Ja, davon habe man auch auf Twitter gelesen, nix Genaues wisse man aber nicht. Noch einmal, wahrscheinlich zu wenig bestimmt: Wird geräumt? Undifferenziertes Kopfschütteln. Hm.

23:00 Uhr. Bin wieder zu Hause und lese auf Twitter und auf orf.at – die polizeiliche Eingreiftruppe Wega hat das Audimax geräumt.

Undifferenziertes Kopfschütteln, diesmal bei mir.

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