Billy

Nicht das Bücherregal. Der Sänger, der mir heute früh durch den Kopf lärmte, weil die Arbeiter vom Hausbau gegenüber ihr Radio voll aufdrehten und ich die Balkontür offen hatte. Da schläfst du The longest time, und dann reißt dich so etwas aus dem Schlaf…

Hat mich aber prompt nach früher versetzt, als ich in der Spätpubertät meiner zu Ende gehenden Zwanziger Billy Joel tatsächlich mochte und ihn manchmal rauf und runter hörte. Erinnere mich nicht mehr so gerne daran, heute bin ich mehr für Irish Working Class Punk oder so. Aber ich weiß noch, wie ich mit Gabi, einer Ex-Studienkollegin, extra von Wien nach Salzburg fuhr. Zu einem Joel-Open-Air am Residenzplatz.

Schon unterwegs befeuerte ein Freund mit Terrassen-Wohnung gleich vor Ort ums Eck unseren Enthusiasmus: Er rief an, hielt einfach den Telefonhörer in die Luft und irgendwo bei St. Pölten kriegten wir live einige Takte der letzten Tonprobe mit. Ich gab meinem braven VW Golf gleich den Tritt und floored the gas like the accelerator of a 64-Corvette, um es im Joel-Sprech zu sagen.

Das Konzert war der Hammer, allerdings weniger der Musik wegen. Gabi, die durchaus hochseriös sein kann (so begleitete sie mich etwa jüngst erst als ausgezeichnete Dolmetscherin zu einer Recherche nach Triest) gab nämlich im besten Beatles-Girlie-Style w.o.

Bereits während der langen Wartezeit auf Herrn Joel, die wir am voll befüllten Residenzblatz verbrachten, setzte sie als vermutlich größter Fan aller Zeiten sorgfältig gekreischte Billy-Rufe in Richtung Menge ab. Dann Auftritt, mittendrin sah ich einmal zu ihr rüber, sie war glücklich, dann sah ich auf die Bühne, dann sah ich wieder zu ihr rüber, sie war weg. Kam mir im ersten Moment komisch vor, denn bei so vielen Menschen, alle dicht gedrängt, gab es einfach keine Möglichkeit, sich in zwei Sekunden in Luft aufzulösen. Als ich mir das noch überlegte, bildete sich plötzlich ein Halbkreis, die Menge wich vor mir wie von Geisterhand geschoben zurück. Weil ich weiß, dass ich weder Jesus noch die Dornfingerspinne bin, wunderte mich das schon. Ich sah nach unten und da lag Gabi, frisch kollabiert vor lauter Joel-Begeisterung.

Aber die lieben Leute!

Irgendwer hatte schneller, als ich denken konnte, die Sanitäter alarmiert. Sie hievten Gabi auf eine Trage und rannten filmreif quer über den riesigen Platz, zum Zelt mit dem Doktor. Muss ein Bild für Götter gewesen sein: eine Tragbahre, an jeder ihrer vier Ecken ein Rotkreuz-Mann, daneben ich, mittrabend, Gabis Hand haltend. Die Massen teilten sich und ließen uns anstandslos durch. Der Arzt hatte Gabi rasch wieder auf dem Damm, war wohl wirklich nur eine vorübergehende Attacke in Sachen schwerer Begeisterung.

Noch nicht ganz bei sich, aber der Sprache bereits wieder mächtig, japste mir Gabi vom Krankenbett aus zu:

Bring ma den Billy her!

Völlig unmöglich, antwortete ich ein wenig beunruhigt und zuckte mit den Schultern, denn der sang gerade draußen No man´s land.

Anyway. Heute Früh also wieder einmal Billy Joel, nach vielen Jahren. Um nicht zu sagen: Jahrzehnten. Hallo Gabi, falls du das hier liest: Fest am 2. Juni, du bist herzlich eingeladen: Vienna waits for you.

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