Verhaltenskodex

Die Mühen der Ebene durchschreiten heißt zum Beispiel, den neuen Verhaltenskodex der ÖVP zu lesen. Ein Papier, so sperrig geschrieben wie einst die Gebrauchsanleitung zu meinem Videorecorder. Dessen volle Funktionsweise ich auch noch nicht verstanden hatte, als das Gerät sich bereits im Ausgedinge befand, weil längst mp4-Files und YouTube Einzug in mein Leben gehalten hatten.

Sprachlich ist der Verhaltenskodex ein Desaster. Was die Schwarzen da schreiben, versteht kein Mensch. Wobei ich ja fast argwöhnen möchte: Genauso wollen die das auch. Denn inhaltlich finden sich bei genauerem Hinsehen durchaus einige Skurrilitäten, doch davon ein anderes Mal an anderer Stelle mehr.

Hier im Textblog: Sprache. Gleich in der Präambel folgender Satz:

Im Bemühen, verlorengegangenes Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in die Politik zurück- zugewinnen, beschließt die ÖVP zusätzlich zu vorhandenen gesetzlichen und statutarischen Regelungen für ihre Funktionsträgerinnen und Funktionsträger folgenden Verhaltenskodex, der die Arbeit der Politikerinnen und Politiker mit notwendigen Standards als Leitlinie begleiten soll und so auch die Wahrung der von der ÖVP vorausgesetzten Standards gewährleistet, begleitet vom Respekt vor den Bürgern, anderen Parteien und den Mitarbeitern.

Ohne dass Sie diese sechs Zeilen, 66 Wörter und 462 Zeichen lange Monströsität noch einmal lesen, und seien Sie jetzt bitte ehrlich: Haben Sie etwas davon verstanden? Vielleicht gar behalten? Eben.

Hony soit qui mal y pense, wie wir Franzosen in solchen Fällen sagen: Ein Schelm, wer Schlechtes dabei denkt. Jedenfalls kenne ich ja mittlerweile eine Reihe von Mitgliedern aus der Riege der ÖVP-Nationalratsabgeordneten und weiß: Einige von denen werden über diesem Text ziemlich brüten. Nicht allen wird immer alles von dem klar sein, was da steht.

Das geht aber noch besser – ein Satz, acht Zeilen, 78 Wörter und 648 Zeichen:

Für uns ist es selbstverständlich, dass im Rahmen der Wahrnehmung einer öffentlichen Aufgabe Amtsträgerinnen/Amtsträger und Mandatarinnen/Mandatare keinerlei ihre Entscheidungs- bzw. Abstimmungsfreiheit beeinträchtigende Vereinbarung eingehen, im Interesse einer (juristischen oder natürlichen) Person zu handeln oder abzustimmen bzw. zu entscheiden, Amtsträgerinnen/Amtsträger und Mandatarinnen/Mandatare verlangen keinen unmittelbaren oder mittelbaren finanziellen Nutzen oder eine sonstige Vergünstigung als Gegenleistung für eine Einflussnahme oder eine Abstimmung über Rechtsakte oder Entschließungsanträge, schriftliche Erklärungen oder Anfragen oder sonstige Amtshandlungen noch nehmen sie eine solche Vergünstigung an.

Wieder versteht man eher gar nichts. Ich würde denen ja wirklich gerne einmal anbieten, mit ihnen einen Workshop zu machen, wie man bessere und vor allem verständlichere Texte schreibt. Aber wie schon gesagt: Ich glaube, das war in diesem Fall gar nicht… Sonst käme ja vielleicht jemand auf die Idee, das auch einzufordern, und dann… Da ist es doch besser, wenn niemand…

Was mir hingegen ganz gut gefällt, wenn man den Satz im übertragenen Sinn nimmt:

Politische Funktionsträgerinnen und Funktionsträger der ÖVP müssen Format haben und Format geben.

Auch ein Weg, zu neuen Lesern zu kommen, sage ich als FORMAT-Redakteur.

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