Das erste Buch

Ich habe abgegeben. Widerstand war zuletzt schwach wie Flasche leer. Also entflammt jüngst jedesmal, wenn ich zu Literatur greife, das Display eines Kindle, samten grau, zurückhaltend und trotzdem schön, morbid wie eine sanfte Nacht.

Das war kein leichter Schritt. Wer wie ich in einer weitgehend buchstabenlosen Arbeiterfamilie aufgewachsen ist und sich den Inhalt von Büchern einigermaßen zäh zu erarbeiten hatte, der gibt sie nicht mehr so ohne weiteres her. Immerhin sind das produzierte und damit manifestierte Beweise geglückten Entkommens aus einer beschränkten Welt, bewohnt von Musikantenstadlern.

Aber es ist, wie es ist: Das gedruckte literarische Wort kommt inzwischen einfach mit Electronic-Ink-Technologie am Samtschirm besser, als auf Papier. Die Umwelt mag es, die Ökonomie präferiert es aus Sicht der Verlage ebenso wie aus Sicht der Leser, die Usability ist großartig. Und es holpert sich einfach geschmeidiger als Bildungsbürger durchs Leben, wenn du deine Bibliothek (3.000 Werke speichert der Kindle – erzählen Sie mir bitte nicht, Sie würden damit nicht durchkommen) in der Westentasche trägst. Samt Wörtberbüchern, Notiz- und Nachschlagmöglichkeiten.

Ein paar meiner Bücher werde ich behalten, es gibt ja welche, die sind mir als handfeste Exemplare durchaus lieb und teuer. Der Rest wird wohl mitsamt den Billys aus meiner ikea-Studentenzeit (ja, ich bin romantisch veranlagt und habe die Regale behalten) einen 1-Euro-Flohmarkt mit Treibstoff versorgen. Wenn Sie eine andere Idee haben, an wen sich meine zwei-, dreihundert Bücher (so viele sind´s also gar nicht) emotional gewinnbringend verschenken ließen: Schicken Sie mir ein Mail.

Kindle also jetzt, und gleich ein Problem: Die ersten downgeloadeten Bücher wollen sorgfältig gewählt sein, ist ja ein symbolischer Akt des Übergangs in eine neue Welt. Habe gut überlegt und mich für folgendes Dreigespann bereits gelesener Texte entschieden, die ich ich übers WLAN auf das jungfräulche Lesetablet holte:

„Morgen in der Schlacht denk an mich“, höchst präferiertes Werk des großartigen Javier Marias. Keine andere Geschichte beginnt meiner Meinung nach vergleichbar ruhig und dennoch dramatisch gleichermaßen, für mich sind das die erschütterndsten ersten 30, 40 Seiten der Literaturgeschichte. Dazu Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“, die prononcierteste Verwendung des Konjunktivs auf einer Vielzahl konsekutiver Seiten, die ich kenne. Und schließlich „Cannery Row“. Ich bin ja ein möchtegern-Kosmopolit, der nicht viel herumkommt. Daher lese ich zumindest gerne auf Englisch, um die Illusion aufrecht zu erhalten. Und habe einen Steinbeck, vorzugsweise eben diesen, seit jeher gerne griffbereit, wo immer ich bin.

Schließlich noch ein gänzlich neues Buch, unbekannt bislang, das erste seiner Art auf dem frischen Kindle. Lange nachgedacht und mich dann entschieden für: „Donnerstags im Fetten Hecht“.

Das sagt Ihnen ziemlich sicher nichts, aber vielleicht kennen Sie den Autor. Stefan Nink ist einer der formidabelsten Reisejournalisten, die der deutschsprachige Raum kennt, Verfasser zahlloser Reisebücher und einer Vielzahl erstklassiger Beiträge für die vornehmsten deutschen Qualitätsmedien. Glauben Sie mir, ich weiß das: Der Mann kann´s.

Ich war mit ihm einmal eine knappe Woche in Irland unterwegs, er ist ein Güterzug, voll beladen mit Geschichten des Lebens, eingepackt aus den verräumtesten und verträumtesten Ecken der Welt. Mochte vor allem die skurril-traurige Story aus der Realtät, wie er vom Langhaar-Journi zum praktisch glatzköpfigen Autor mutierte.

Mit Begeisterung las ich auch seinerzeit seinen preisgekrönten Beitrag in der Süddeutschen (ich glaube, es war die Süddeutsche) über den Herrn Siebeneisen, unterwegs zu einer einsamen Insel vor Irlands Westküste. Vor zwei Jahren oder so standen wir an der Theke der Grazer „Eschenlaube“, Nink berichtete mir vom Gedanken, den Siebeneisen zu einem Roman auswachsen zu lassen. Am 27. August ist das Wachstumsprojekt nun abgeschlossen, es wurde dem Vernehmen nach ein fein modellierter moderner Schelmenroman und wird automatisch drahtlos an ihren Kindle geliefert, schreibt mir Amazon. So mag ich das.

Bin überzeugt: ein würdiges erstes neues Kindle-Buch für mich. Und will Sie mit folgendem Tipp für Ihre Spätsommerlektüre belästigen: Klicken Sie hierher. Wird Ihnen Freude machen.

Sollten Sie zu denen gehören, die auch in der neumodischen Zeit mühsam Erlerntes nicht abgeben wollen und lieber Druck auf Papier vor sich haben – das gibt´s, glaube ich, sowieso auch als herkömmliches Buch.

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