The Galway Girl

Manches muss man zweimal schreiben.

Mein Herz war berührt, damals, vor etwas mehr als eineinhalb Jahren: Tochter Julia schloss in der coolen irischen Stadt Galway ihr Studium ab, ich war bei der akademischen Feier nicht vor Ort. Aber ich hatte meinen privaten Moment des Stolzes hier in Österreich, ich schrieb einen Blogpost.

Dann wechselte ich die Plattform und die kleine, wahre Geschichte, erzählt für Julias großen Tag, diffundierte ins Nirwana des Internet. Heute hat Julia Geburtstag, sie ist 25 Jahre alt und macht ziemlich exakt das, was ich mir immer gewünscht hätte, dass sie es einmal tun wird, wenn sie groß ist. Gemeinsam feiern ist nicht, aber ich schreibe einfach die Geschichte noch einmal für sie auf:

Diese schöne Insel Irland, die lieben Menschen, die Musik in den Pubs, die stellenweise leicht angesiffte, aber trotzdem kristallene Studentenstadt im wilden Westen, Galway also.

Ich stand in Monroe´s Tavern, das ist dort nicht erste Wahl, wenn du in den Pub gehst, mehr etwas für Touristen. Aber zum Aufwärmen geht es schon, ich lümmelte an der Theke und trank mein Pint of Guinness. Draußen schnalzte der Westküstenregen. Drinnen sang ein sehr unirischer Musiker eine schrecklich schnulzige Version des an sich wunderbaren Rainy Night in Soho. Zunächst hörte ich hin, denn immerhin: eine Komposition des großartigen, immer besoffenen Shane MacGowan.

Aber dieses Lied in der verschraubten Interpretation eines Stümpers, lange war es nicht auszuhalten. Vor den Türen der irischen Pubs lässt es sich manchmal ohnehin besser trinken und reden, dort trifft man sich zum Rauchen. Der Barkeeper hatte seine zehn Minuten Pause, er lehnte an der Tür und ließ sich die Gischt des Spritzwassers an die Stirn schwappen. Nur wir beide. Schweigend warteten wir, dass dieses gnadenlose Gejammere drinnen ein Ende finden würde.

Von rechts stöckelte eine Frau den Gehsteig entlang, dunkelbraune, lange Haare, langer Mantel, Mittelalter, nicht unhübsch, ein klein wenig verlebt vielleicht. Sie ging vorbei und dem Mann neben mir begann die Zigarette im Mund zu tanzen, der ganze Mensch schlingerte plötzlich. Seine Hand fuhr durch die Luft, eine raumgreifende Bewegung, als malte er mit der Handfläche einen riesigen Halbkreis in den Regen. Als wollte er sagen, alles das und noch viel mehr will ich dir jetzt gleich erzählen.

Tatsächlich hielt es ihn nicht schweigend, und der einzige, dem er in diesem Moment etwas sagen konnte, war ich. Diese Frau, brachte er hervor, weißt du, wer das war? Mir war in der Sekunde klar – was er mir jetzt gleich zu sagen beabsichtigte, war in seiner Welt etwas Großes. Also schwieg ich, drehte sparsam den Kopf hin und her, und wartete:

She´s the Galway Girl, the one Steve Earle wrote the song for, the real Galway Girl.

Ich bin inzwischen in Irland Kundiger genug, die Bedeutung dieses Satzes einschätzen zu können. „Galway Girl“ ist ein Lied, Mischung aus Folk-Pop und klassischem Irish Trad, das es nie so richtig bis zu uns auf den Kontinent geschafft hat. Seine fünf Minuten bescheidene Weltberühmtheit erhielt der Song, als Gerard Butler damit Hillary Swank im Film „P.S. I Love You“ anschmachtete. Aber in Irland! Dort liebt man das Lied, vergöttert es. Berechtigt, wie ich anmerken möchte. Ich präferiere diese Version von Mundy mit der wunderschönen Sharon Shannon in ihrer Western-Unterwäsche, aufgenommen bei einem Gig in Dolan´s Warehouse in Limerick. Aaah, die Iren!, sage ich dazu nur.

Sie können in dem Video gut sehen, wie sehr Galway Girl auf der Insel Kult ist. Dass es ein lebendes Vorbild gibt, wusste ich nicht. Und dass ich die Frau eines Tages tatsächlich in natura sehen sollte: ein unglaubliches Glück.

Der Barkeeper jedenfalls hatte es gesagt, sah mich entrückt an, und meine Bewegung muss erkennbar gewesen sein. Er wusste: Ich hatte verstanden und war ähnlich ergriffen. Wir sprachen kein Wort mehr, er rauchte seine Zigarette zu Ende, ich sah in den Regen. Als er fertig war, drehte er sich zu mir und hieb mir mit seiner Guinness-Pranke wortlos gegen die Schulter, eine freundliche Geste stiller Verbundenheit unter Fremden. Ich glaube sogar, der Mann hatte feuchte Augen. Er hatte das Galway Girl gesehen. Wir schüttelten uns die Hand, er stapfte zu seinem Job ins Haus zurück.

Später sah ich sie dann in der Crane Bar ein paar Straßen weiter noch einmal. Dort gehen die Iren hin, die Trad hören wollen, ein Geheimtipp. Das Galway Girl stand an der Bar, trank ihr Guinness, und natürlich war ich viel zu feige, sie anzusprechen.

Aber: I met the real Galway Girl. Das ist etwas für meine ganz persönliche Ewigkeit, das bleibt mir.

Irgendwann werde ich Julia die Geschichte erzählen. Vielleicht sogar, wenn alles großartig passen sollte, sitzen wir dann gerade an Galways Long Walk, wo meine Tochter ein Jahr lang gewohnt hat und wo das Lied beginnt. Es könnte idealerweise vielleicht sogar ein fine soft day-y-ay sein, wir lassen die Füße über die Kaimauer schlenkern, schauen dem Corrib beim Fließen in die Galway Bay zu, mit ein wenig Glück fliegt auch Bertie vorbei. Und dann machen wir unseren Frieden. Das wäre schön.

Happy Birthday, Julia! Ich hoffe, der Tag ist good craic für dich.

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4 Gedanken zu “The Galway Girl

  1. was für eine schöne geschichte. danke wieder einmal dafür, klaus. vielleicht schaffen wir es in diesem leben ja wirklich noch einmal, deine viel zu große yucca-palme in ein land zu bringen, wo sie unter freiem himmel weiterleben kann. Beneath the Irish sky, by the Irish sea…Liebe Grüße!M

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