Zeitreise mit dem Boss

Gestern Zeitreise. Denn der Boss war da.

So eine Gelegenheit hat man einfach zu nützen, allzu oft wird der inzwischen doch schon 62jährige Springsteen nicht mehr nach Wien kommen. Lassen Sie mich zusammengefasst in einem Satz berichten: Es war genial.

Nicht nur, dass der Mann rockt und rollt wie eh und je und dabei ganz offensichtlich auf der Bühne noch viel mehr Spaß hat, als seine Konzertbesucher unten am zugeklebten Fußballrasen. Dreieinhalb Stunden spielte Mr. Springsteen im Happel-Stadion, eine kristallen klare Show, vollgestopft mit schnörkellos vorgetragener Rockmusik. Ein völlig gerades Konzert, da können sich Leute wie der von mir an sich höchst geschätzte Peter Gabriel oder die lächerliche Madonna mit ihren technoiden Bühnenshows verstecken.

Diesen Firlefanz braucht der Boss nicht. Er rockt einfach, wie es kommt. Und es kommt ziemlich gut.

Zeitreise also. Ich sah mich in meinem WG-Studentenzimmer in der Wiener Göllnergasse, meine vom Erlös diverser Ferialjobs gekaufte und auf Anschlag gedrehte JVC-Anlage (der Receiver funktoniert heute noch) spuckte „Glory Days“ in aberwitziger Lautstärke aus, ich sang mit. So tat ich es auch gestern. Die drei Konzert-Begleiterinnen E., B. und S., die ich alle schon sehr lange kenne, Zeitreise also auch dieses: verhalten flippten sie aus, wenn der Boss oben auf der Bühne seine Spielchen trieb. So tat auch ich es.

Erinnerte mich mittendrin an ein anderes Konzert, das ich, Zeitreise, mit E. vor fast zwei Jahrzehnten am Salzburger Domplatz besuchte. Sie hatte den Portier der alten Uni becirct, er ließ uns in einen Hörsaal in den ersten Stock hinauf: Auf einer gut meterbreiten Fensterbank saßen wir dort erste Reihe fußfrei, genau gegenüber die Bühne, auf der Konstantin Wecker Hof hielt. Der Sänger hatte an diesem Abend viele Lieder, der Sommer war nicht mehr weit, unten sahen die Madln wie Äpfel aus, selbst der Willy erschien, es war wunderbar und das liebe Leben hielt uns an die Erde. Komisch eigentlich schon, dass ich bei Springsteen an Wecker denken muss. Aber jedenfalls Zeitreise.

Mir fiel außerdem auf, gestern Abend im Happel-Stadion, dass das viele Irish-Working-Class-Punk-Hören der letzten Jahre mich ein bissl einseitig gemacht hat. Springsteen-Texte, die ich früher im Schlaf hätte mitsingen können, fielen mir nicht mehr ein. Den anderen Opas rechts und links von mir aber schon.

Zeitreise: Hätte vom Boss sehr gerne „Jersey Girl“ live gehört, doch es blieb ungespielt. Jersey Girl vor allem, weil mir Ex-Freundin C., die ich vor gut einem Jahrzehnt wirklich, wirklich lieb hatte, die Nummer seinerzeit in der exemplarischen Version von Holly Cole näher brachte. Urheber Tom Waits, Holly Cole und eben Bruce Springsteen haben das einfach großartig drauf: Jersey Girl singen. Daran dachte ich, als das Konzert vorbei war und die Massen die Ausgänge fluteten, und wurde sofort ein bissl traurig. Weil mir gleich die schöne Beziehung von damals einfiel – C., das Ausseerland, Wüstenspringmaus-Schuhe (das ist derselbe Insider-Schmäh wie die Sache mit dem Auto „Elefantino“ im Blogpost vom 16. Jänner, denken Sie sich also nichts).

Aber völlig unglaublich jetzt, Zeitreise reloaded, denn genau in diesem Moment: spaziert C. mit ihrer Schwester ein paar Meter weiter vorbei, zwei ausgelassene Ausseerinnen in Wien, beim Boss. Ich jedoch: Marschierte tunlichst nicht hin, an manche Dinge aus der Vergangenheit sollst du wohl nicht rühren, willst du intakt bleiben.

Aber schöne Zeitreise, gestern Abend, im Happel-Stadion in Wien. Danke Boss!

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