Ich fahre Bahn

Ich schreibe das aus der ersten Klasse eines Railjet, am Weg von Wien nach Graz. Eigentlich dürfte ich hier gar nicht sitzen, weil Folgendes:

Die ÖBB sind nach Jahrzehnten draufgekommen, dass es kaum zu rechtfertigen ist, Journalisten permanent und kostenlos von einem 2.-Klasse-Ticket upzugraben. Und haben das mit Juni 2012 eingestellt. Ich weiß zwar nicht, warum Nationalratsabgeordnete nach wie vor… Aber egal, das geht schon in Ordnung, denn wenn wir andauernd gegen die unlautere Annahme von Vorteilen anschreiben, dann muss auch im eigenen Haus Sauberkeit herrschen.

Vor ein paar Monaten schrieb mir die Bahn diesbezüglich extra einen langen und durchaus komplex formulierten Brief. In geschraubten Sätzen erklärte man, warum ich also künftig nicht mehr in den Genuss der Presse-Vorteilscard kommen würde, weshalb sie ersatzlos abgeschafft, und so weiter…

Fand ich eh voll gut.

Nur ganz unten plötzlich ein Sätzlein: In meinem speziellen Fall (???) würden die AGB es gebieten, die Karte ausnahmsweise doch noch einmal um ein Jahr zu verlängern. War sehr überrascht. Aber am Bahnhof in Wien Meidling, als ich die auslaufende Vorteilscard verlängerte und eine normale wollte, erklärte man: Geht nicht. Die freundliche Dame am Schalter telefonierte sich sogar eine gute Viertelstunde durch alle Instanzen der ÖBB (und das sind viele), weil ich das nicht glauben konnte.

Man wollte mir einfach keine normale Vorteilscard geben, ich erhielt einen provisorischen Wisch (für das endgültige Ausstellen eines Vorteilstickets brauchen die ÖBB schlanke zwei Monate), auf dem groß stand: „VorteilsCard Presse“. Obwohl es doch ab Juni keine mehr geben sollte.

Zugeschickt bekam ich dann Wochen später kommentarlos: eine normale Vorteilscard. War wieder sehr erstaunt.

Gestern lief das provisorische Ticket aus. Weil ich heute per Zug nach Graz muss, wollte ich bei den ÖBB anrufen, nur so aus Neugier, um die Sache endgültig zu klären. Zunächst einmal ganz normal als Kunde bei der Kunden-Hotline, die auf der Rückseite der Karte steht. Eine Tonbandstimme erklärte mir langatmig, dass man jetzt eine tolle neue Menüführung habe, die mir allerdings irgendwie recht gewöhnlich vorkam. Ich war da dann fast ein bissl enttäuscht, hörte mir aber brav alles an und drückte dann folgsam die Drei.

Besetztzeichen. Ich meine: keine Warteschleife, keine neue Blechstimme, einfach Besetztzeichen, minutenlang. Ich legte auf.

Sekunden später läutete das Telefon. Die ÖBB riefen mich tatsächlich vollautomatisiert zurück. Ich bin nicht ganz sicher, ob mir das gefallen soll – vor allem, weil am anderen Ende der Leitung wieder nur das Besetztzeichen war. Ich legte auf. Und probierte das Procedere noch dreimal, immer dasselbe: Tonband, Dreiertaste, besetzt, Rückruf, besetzt, auflegen.

Beschloss daher, in der Pressestelle anzurufen.

ÖBBgutentagmariellamustermanndankedasssiebeiunsanrufenwaskannichfürsietun?, fragte die Telefondame, ohne auch nur einmal Luft zu holen. Beeindruckend. Sie sagte mir freundlich, an wen sie mich gleich verbinden würde und tat es. Ich landete in der Mailbox eines Handys mit namenlosem Besitzer. Das mag ich nicht so, also legte ich auf.

Dann Anruf direkt bei einem der vielen Konzern-Pressesprecher, obwohl mir der Anlass ein wenig mickrig erschien. Aber was willst du machen, wenn du sonst keine Chance hast, einen ÖBB´ler, irgendeinen, ans Rohr zu kriegen.

Entschuldigen Sie, sagte eine Blechstimme, der Angerufene ist nicht erreichbar, drücken Sie die Null, um zu einer beliebigen Vermittlung zu gelangen. (War wahrscheinlich die tolle neue Menüführung, weil: So einen Satz habe ich noch von keiner Computer-Telefonstimme gehört.)

Ich drückte auf Null und war eigentlich auch null überrascht, dass ich zu einem Besetztzeichen kam. Dachte noch kurz darüber nach, eine mir persönlich bekannte andere Konzernsprecherin zu kontaktieren, ließ es dann aber sein, weil die Zeit knapp wurde und der Zug nicht wartet. Zumindest bei den Abfahrtszeiten kennen die ÖBB nix, da sind die Waggons schnell einmal ratzfatz am Horizont verschwunden, wenn du nicht pünktlich bist.

Jedenfalls: Ich setzte mich in die erste Klasse, zeigte dem Schaffner meine abgelaufene provisorische „Vorteilscard Presse“ und dachte, der wird mir jetzt endlich erklären, was Sache ist.

Was soll ich sagen? Er hat nicht einmal mit einer halben Augenbraue gezuckt, das Ticket entwertet und mich sitzen lassen, wo ich eigentlich nicht sitzen dürfte. Glaube nun fast: Diese Sache mit der Abschaffung der Journalisten-Privilegien als Compliance-Maßnahme ist ein riesengroßer Fake.

Und wie üblich in Österreich: ändert sich in Wahrheit gar nichts.

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