Bye bye Baby!

29 Jahre meines Lebens hat sie mich begleitet, die schwarze JVC-Anlage.

Zwei Ferialjobs und ordentliches Sparen hatten mich als 18Jährigen seinerzeit in die Lage versetzt, sie zu kaufen. Im Ford Sierra meines Vaters (ziemlich cooles Auto damals – kaum zu glauben, dass Ford jemals ein cooles Auto baute) fuhr ich zum Händler in die Grazer Annenstraße, nachdem ich wochenlang das Schaufenster observiert hatte. Jeden Morgen beim In die Schule fahren ein kurzer Blick, ob sie eh noch da ist. Und zu Mittag beim Heimfahren detto.

Ich lud sie in den Kofferraum des minzgrünen Sierra und zu Hause war eine Beatles-LP der erste Tonträger, den ich mit zarten Händen auf den Plattenteller streichelte. War das ein Fest. Ich glaube, mein Vater hat mir auch ein bissl was dazugezahlt, kann mich aber nicht mehr so gut erinnern. Jedenfalls war er klar nicht in der Lage, die Tragweite der Anschaffung abzuschätzen. Schließlich war ich damit adäquat gerüstet, die brutale Lautstärke des Fernsehers im Wohnzimmer zu übertönen, wenn er sich den Musikantenstadl gab (ja, ich hatte eine harte Jugend). Es gab ein paar Streitigkeiten deswegen, aber nichts Ernstes.

Die JVC-Anlage begleitete mich seit damals durch mein gesamtes bisheriges Erwachsenenleben. Elf Umzüge machte sie mit mir mit. Zu ihrer Musik sind die Frau, die ich bisher am meisten liebte, und ich uns vor 14 Jahren erstmals näher gekommen. Jahre zuvor hörte ich aus ihren Lautsprechern gerade Wecker, als ich einen Brief der Mutter meiner Tochter öffnete, in dem stand, dass Julia kommen wird. Ich tanzte zu höllischen Stones und dem hämmernden Springsteen aus ihren Boxen, greinte mit U2-Heulern mit, ließ mich von Königin Sinéad enthusiasmieren, die alles so singen kann, wie es sonst niemand singen kann. Aus ihrem Tuner vernahm ich die Nachricht, dass Waldheim nicht mehr antritt, Lady Di gestorben ist, Spanien Österreich 9 zu 1 paniert hat, der Sojourner auf dem Mars landete und 65 Prozent der Österreicher für den EU-Beitritt stimmten.

Vor eineinhalb Jahren schloss ich ein iPad an, auch diesen Kulturschock überstand sie. Meine kleine Nachbarin übte zu den YouTube-Klängen Klängen in meinem Wohnzimmer immer wieder einmal Ballett, meistens eine kindliche Version von Schwanensee. Sie sprang dabei wie eine Große.

Die JVC-Anlage hielt alles aus. Der Plattenspieler wurde zwar nach eineinhalb Jahrzehnten durch ein Technics-Gerät ersetzt. Das Tape-Deck bekam nach rund 20 Jahren ein Eigenleben und ging vor gar nicht allzu langer Zeit in Rente, was ich ihm gestattete. Liebevoll entwirrte ich ich alle heiligen Zeiten den Kabelsalat hinter den Kompoenten (Plattenspieler, Tape Deck, Verstärker, Tuner).

Aber heute gingen ein paar Kontakte flöten und weil ich ohnehin gerade ein bissl im Abstoß-Modus bin, habe ich gerade eben meinen schwarzen Wegbegleiter auf eBay eingestellt. Und, während ich das schreibe, fast ein wenig eine Träne im Augenwinkel zerdrückt. Immerhin vertschüsse ich gerade drei Jahrzehnte.

Aber Dinge sind nur Dinge, man sollte nicht zuviel Nostalgie in die falschen Sachen verpulvern. Der neue Yamaha-Receiver tut seit ein paar Stunden Dienst, sieht kühl aus und ich muss mich einfach endlich endgültig von meiner Jugend verabschieden. Eh höchste Zeit, jetzt, mit 47.

Wenn Sie wollen, steigern Sie einfach mit, zum e-Bay-Angebot geht´s hier.

Bye bye, Baby!

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