Tara

Das ist irisches Heartland hier.

Das County Meath malt ein Bild der Insel, wie es sich in den mitteleuropäischen Köpfen ohnehin festgezurrt hat: Pralle Wiesen liegen fett über fruchtbarem Torf, schwarz gefleckte Kühe grasen mit Millionen von Schafen um die Wette. Schmale Straßen mit meterhohen Hecken und verspielten Kurven, die sich in erschreckenden Wellen und Radien an den Boden krallen, verspotten jede Verkehrssicherheit. Baumkronen, die sich über dem Mittelstreifen küssen. Schweigsame Flüsse, wild mäandernd zwischen verwachsenen Ufern. Im Herbst schält die Sonne das alles erst spät am Vormittag aus dem Nebel, der vom Morgen geblieben ist.

Eine zähe Luft aus Hinterland und großer Geschichte liegt über allem. Das hier ist es, wo Irland begonnen hat. Gleich zweimal.

1916 nämlich machten sich von hier die ersten größeren Gruppen der Revolutionäre auf ihren Marsch nach Dublin, from the plains of Royal Meath, wie es im alten Trad-Song „The foggy dew“ heißt, strong men came hurrying through: Easter Rising, der erste nennenswerte Aufstand des 20. Jahrhunderts gegen die britischen Besatzer. Auf dramatische Weise erfolglos, fast alle bezahlten damals mit dem Leben. Aber er führte nicht nur zur Geburt von IRA und Sinn Féin, sondern später tatsächlich zur Unabhängigkeit und der Gründung der „Republic of Irleand“.

Und dann: Tara.

Allein der Klang des Wortes. Ein unscheinbarer Hügel bei der Kleinstadt Trim, nur schüchtern weisen wenige Schilder auf den geschichtsträchtigen Ort, an dem sich früher, viel früher, irische Stammesfürsten einmal im Jahr zum Treffen sammelten, ihren Hochkönig wählten und das Schicksal der Insel bestimmten.

Wie bei so vielen Dingen sind die Iren auch hier erstaunlich schrullig – oder pietätvoll, wer weiß: Es gibt keine Gedenkstätte, keine Gatter regeln den Zugang zu diesem sagenumwobenen Ort, kein Autobusparkplatz wurde angelegt, keine Devotionalienhändler warten auf Touristen. Nichts. Tara ist einfach ein Hügel. In unmitelbarer Nachbarschaft noch einer, der Hill of Skryne: An dessen Spitze bekämpfen alte Gräber die Zeit, nur unzureichend beschützt von einer halbhohen Mauer. Eine verfallene Kirche, kniehohes Gras wuchert. Daneben in schockierender Eintracht die Miniaturausgabe eines Pitch-and-Put-Golfkurses. Auf der anderen Seite, wie könnte es anders sein, ein Pub. An einer verlassenen Straßenkreuzung, kaum mehr als einmal täglich treffen sich hier Fahrzeuge zum Rendezvous.

Aber über allem liegt etwas Schweres. Was dieser verwilderte Ort mit den Grabsteinen und den fehlenden Menschen hat, findet man in Irland immer wieder, in der Wildnis Connemaras oder Achill Islands zum Beispiel, auch in den verwunschenen Tälern von Antrim. Es ist Weite und Enge, Zuversicht und Schwermut zugleich. Auch eine Art von Angst, die den Platz umschwebt. Und natürlich, den haben die Iren seit jeher zur Genüge: Mut.

Ich weiß, das ist kitschig. Aber dieser Hügel, von dem man in alle Richtungen weit ins Land sieht, in dessen Nachbarschaft sie inzwischen ziemlich radikal eine Autobahn gebaut und noch einen – viel größeren und respektlos perfekten – Golfplatz angelegt haben, dieser Hügel hat was.

Da steht man oben, ganz allein, das feuchte Gras hat Schuhe und Jeans längst durchnässt, es ist still, ganz still.

Dann torkelt aus O´Connels Pub am helllichten Tag ein Alter, setzt sich an den Rand eines Grabsteins, zieht pfeifend Luft durch die Nase, räuspert sich, ein rohes, tiefes Whiskey-Räuspern, nickt ein. Eine Elster dreht zwei Kreise um den verfallenen Turm, die bläuliche Zeichnung des Gefieders blitzt, sie zirkelt sich durch das offene Dach der Kirche direkt eine die Nische, landet auf einem vermoosten Steinthron. Es ist immer noch still, ganz still.

Irland.

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