Ireland´s Eye

Der Volvo

Der Volvo schmierte schnurrend über die Autobahn. Sein Tank war gefüllt, die Windschutzscheibe gewischt, alle Flüssigkeiten kontrolliert, der Wagen befand sich in Hochform. Zwar bogen sich drei, vier Dellen rundum trotz seiner Jugend bereits ins Blech, Zeugen diverser Irrtümer unkundiger Fahrer. Als Mietwagen war der Volvo von Anfang an leichtfertigen Händen ausgeliefert, ohne mit nennenswerten Möglichkeiten zur Gegenwehr ausgestattet zu sein. Vielleicht einmal ein absichtlicher kleiner Zündaussetzer hier, eine unrichtige Fehlermeldung am Infodisplay dort – nichts, womit er sich an nachlässigen Mietern für die rohe Behandlung hätte revanchieren können. Ein Leihwagen-Schicksal, viele Leidensgenossen des Volvo hatten trotz weniger Kilometer auf ihren Tachometern ebenfalls bereits zahlreiche Verunstaltungen ihrer Karosserien zu beklagen, Folgen unvorteilhafter Begegnungen ihrer Mieter mit anderen Teilnehmern am irischen Straßenverkehr.

Aber der Volvo hatte alles gut weggesteckt, sich in Flughafengaragen während langer Nächte zwischen Fords und Toyotas als Edler unter Banalen gut von den Strapazen der Tage erholt. Er befand sich trotz der kleinen Einbuchtungen in Blechteilen auf der Höhe seiner Möglichkeiten. Und diesmal war der Fahrer ein Glücksgriff. Der Angestellte der Verleihfirma hatte den Volvo einem respektvollen Kunden zugeteilt. Mit sanfter Hand schob dieser den Schaltknüppel in die richtigen Positionen. Nie verriss er das Lenkrad ruckartig. Die Gasstöße kamen vorsichtig, die Tritte aufs Bremspedal besonnen. Die Kupplung bediente der Mann mit ausgesuchter Gleichmäßigkeit. Der Volvo fühlte sich gut behandelt. Er dankte es dem Fahrer mit schnörkellosem, weichen Vorangleiten.

Selbst als der Lenker den Wagen von der breiten Autobahn in eine schmale Seitenstraße zwang, die sich in abenteuerlichen Radien über schlechte Beläge durch verwachsene Hecken und unüberschaubare Kurven einen Hügel hinauf wand, blieb der Volvo gelassen. Er hatte während der vergangenen Kilometer Vertrauen in seinen Fahrer entwickelt. Die engen Wegpassagen nahm er als Herausforderung. An den Bergaufstücken ließ er den Diesel besonders aufmerksam durch die Zylinder gurgeln, achtete bei den Explosionen penibel darauf, auch nicht den kleinsten Tropfen unverbrannt zurückzulassen. Die Stoßdämpfer versetzte er in ständig gespannte Erwartung, so konnten sie jede Unebenheit der schlechten Straße aufnehmen und in ihren Federwegen verpuffen lassen. Der Fahrer merkte von diesen Anstrengungen nichts, das war dem Vovlo ein Anliegen. Diesen Mieter wollte er mit perfekter Funktion erfreuen, den er bereits auf den ersten Metern, noch als sie vom Flughafenparkplatz in den Dubliner Nachmittagsverkehr gerollt waren, als kompetenten Piloten identifiziert hatte.

Willig hatte der Volvo auch, als ihm dann auf einer freien Sektion der M-50-Stadtautobahn Gas gegeben wurde, alle Kraft unvermittelt auf seine Vorderräder geleitet und war ohne jedes Quietschen, ohne das kleinste Zerren am Lenkrad, nach vorne geschossen. Jetzt weiß der Fahrer, hatte sich der Volvo gefreut, dass er einen adäquaten Partner für seine Reise zugeteilt erhielt. Der kleine Streich, den der Volvo seinem Fahrer beim Einsteigen noch mit einer falschen Sicherheitsmeldung am Tachometer-Bildschirm gespielt hatte, tat ihm bereits leid. Hätte er da schon gewusst, dass er es diesmal mit einem rücksichtsvollen Mieter zu tun hatte, hätte er sich den üblichen kleinen Spaß zu Beginn einer Mietfahrt verkniffen. Doch der Volvo wurde bitter enttäuscht.

Und Ich

Ein bissl verwuzzelt ist der Wagen schon daher gekommen, für nicht einmal 30.000 Kilometer am Tacho könnte man eigentlich erwarten, dass das Blech dellen- und die Elektronik mängelfrei ist. Was sollte zum Beispiel diese blöde Nachricht, dass hinten die Gurte nicht benutzt werden (Blogpost „Talking Volvo“), wenn ich allein im Auto sitze? Vermutlich ein defekter Sensor im Sitz, typisch Mietwagen.

Aber egal, insgesamt eigentlich kein schlechtes Auto. Hing gut am Gas, verhielt sich ziemlich schnurrend und ich war dem Hertz-Guy richtig dankbar für das Down-and-Upgrading vom Ford zum Renault hinunter und dann wieder hinauf zum Volvo. Jetzt im Nachhinein betrachtet allerdings: Es wäre mir lieber gewesen, hätte ich den Focus oder den Mégane geschrottet, nicht den Volvo.

Echt blöde Geschichte. Ich glaube, an diesem Samstag war ich nicht so ganz in den Gängen. Zuerst dieser peinliche Irrtum – da glaubte ich, ich stehe am Hill of Tara, war recht ergriffen und verfasste am nächsten Tag sogar einen total kitschigen Blogpost („Tara“ vom 7. Oktober, den ich dann später umschreiben musste). Und zurück in Österreich stellt sich beim Nachrecherchieren heraus: das richtige Tara ist ein paar hundert Meter weiter, ich war am Hill of Skryne.

Und als wäre das nicht genug, ist da auch noch die Geschichte mit den 700 bierbäuchigen alten irischen Hobbyradlern, ihrem idiotischen Rennen ausgerechnet an diesem Tag und an diesem Ort, und dem Meath-Civil-Defence-Einsatzwagen.

Folgendes:

Ich folgte dem einzigen Hinweisschild nach Tara. Diese Iren sind da echt schräg – jetzt besitzen sie ein richtig gutes Monument und dann promoten sie das derart stümperhaft und lassen es einfach ohne viel Tamtam in der Gegend vor sich hin stehen. Nicht einmal richtige Wegweiser stellen sie auf. Jedenfalls: extrem schmale Straße, lächerlich in die Landschaft geknallte Kurven, null Übersicht. Und Hecken, die dich als Autofahrer einfach zuwachsen. Dazu diese mannshohen Steinmauern rechts und links. Hatte alle Hände voll zu tun, mich zwischen ihnen zum Hill of Tara hinauf durchzuzirkeln, der eigentlich der Hill of Skryne war.

Plötzlich vor mir: Hunderte Radfahrer. Und hinter mir: auch.

Muss wohl unbemerkt in die 30 oder 40 Sekunden lange Lücke eines ganzen Feldes gestoßen sein, dass gerade aus einer noch schmäleren Seitenstraße in meine einbog. Ich lief natürlich sofort auf die vorderen Radler auf und konnte die hinteren zunächst auf halbwegs gleichbleibender Distanz halten. Die vorne überholen: unmöglich. Weil die Straße: wirklich, wirklich schmal.

Und dann steht da hinter einer Kurve plötzlich ein Rettungswagen, schön in einer Einbuchtung der Straße abgestellt, okay geparkt also. Hat wohl einen der Hobbyradler die totale Erschöpfung geholt, Herzinfarkt oder so. Und davor der Einsatzwagen von „Meath Civil Defence“, das ist eine Art lokale Zivilschutzbehörde der Grafschaft, die zum Verteidigungsministerium ressortiert. Und dieses MCD-Auto war so idiotisch abgestellt, dass es fast die gesamte Straßenbreite in Beschlag nahm, das Vorbeikommen mit dem großen Volvo: undenkbar.

Ich habe leider auch nicht richtig mitgedacht, sonst wäre ich wohl ein paar Meter davor einfach am linken Rand stehengeblieben, hätte die Radfahrer vorbei gewunken. Stattdessen stieß ich in völliger Fehleinschätzung der Dimensionen zuversichtlich in die Lücke zwischen Steinmauer und MCD-Wagen. Aber vorbei konnte ich nicht, also steckte der Volvo dort plötzlich fest, wie ein Pfropfen, die Straße war zu. 50 Meter weiter stand hinter einer der Steinmauern eine hübsche junge Frau, die nur den Kopf schüttelte. Depperter Tourist, wird sie sich in ihrer Provinz-Borniertheit der irischen Landbevölkerung wohl gedacht haben.

Ich hingegen dachte mir nur: Oh oh. Und prompt regte sich bei den Radlern im Rückspiegel Aufruhr, die jetzt zum Anhalten gezwungen waren und ihre Konkurrenten vorne davon fahren sahen. Denen wurde wohl gerade klar: Rennen verloren, ganz ohne ihr Zutun. In solchen Momenten bleibe ich ja eigentlich immer cool: Wird der MCD-Mann mit seiner beeindruckenden Uniform schon für Ordnung sorgen, seine blöde Karre auf die Seite stellen und sich darum kümmern, dass die mir wegen der Minute Rückstand, die sie jetzt aufreißen, nicht den Hals umdrehen, dachte ich mir.

Aber der Kerl stand mit strengem Blick da, beobachtete das sich langsam entwickelnde Chaos mit stoischer Ruhe und tat: genau nichts. Bereits nach 30 Sekunden zeichnete sich ab: Das Risiko eines Konflikts mit der Zivilschutzbehörde würde weniger Gefahren mit sich bringen, als die immer aufgebrachteren Rennradler hinter mir weiter aufzuhalten. Ich begriff: Du musst an diesem Einsatzauto vorbei, und zwar in der Sekunde, koste es was es wolle. By all means, wie wir Irland-Besucher sagen. Ich gab also Gas.

Ich will es kurz machen: Das Geräusch, als ich dem Volvo am Behördenauto über die volle linke Flanke eine tiefe Schliere ins Blech carvte, war hässlich. Ein metallisches Kreischen der nicht so guten Art. Weil aber sofort alle Sensoren am, im und um den Volvo Alarm schlugen und sämtliche verfügbaren Pfeif- und Klingelsignale des Wagens in Maximallautstärke abriefen, bekam ich nur den Anfang davon mit. Der Rest ging in einem unglaublichen Stakkato von Warntönen unter.

Der Volvo bimmelte und blinkte mit allem, was er hatte. Der MCD-Mann riss die Augen ungläubig auf, ein Kaugummi fiel aus seinem Mund. Halb vorbei an seiner Kiste, dachte ich mir, dass es jetzt eh auch schon wurscht ist, und schrammte den Volvo komplett durch die Lücke. Dann parkte ich fein säuberlich links hinter dem Rettungsauto, nicht ohne davor korrekt zu blinken. Die Radler passierten. Hätte ich besser hingehört, wäre mein irisches Fluchvokabular jetzt umfassend erweitert. Aber ich dachte lieber darüber nach, was ich dem MCD-Mann gleich sagen würde.

Bilanz jedenfalls:

> Eine tiefe Narbe im Volvo, von der vorderen über die hintere Beifahrertür bis zum Ende des linken Kotflügels. Dazu verschiedene Kratzer und Abschürfungen, ein zerstörter linker Außenspiegel.

> Ein kaputtes rechtes Rücklicht beim Meath-Civil-Defence-Car, plus Delle im Blech.

> Ein irgendwie entgeisterter Beamter, der bereits seinen Chef angerufen und um Hilfe gejapst hatte, noch bevor ich aus dem Volvo gestiegen war, sich dann rasch beruhigte und nach wenigen Sekunden seltsam apathisch wurde. Als hätte er völlig andere Dinge im Kopf, als sich um seinen angefahrenen Dienstwagen zu kümmern. An besseren Tagen wären wir vermutlich einfach auf ein Guinness in den nächsten Pub gegangen und wahrscheinlich hätte er mir dort die eine oder andere Lebensgeschichte erzählt, man kennt das ja, Irland halt.

> Ein Emergency-Pack im Volvo, dessen Möglichkeiten vom Unfallbericht bis zur Instant-Kamera von mir voll ausgeschöpft wurden.

> Ein gelangweilter Hertz-Angestellter an der Notfall-Hotline, der alles ziemlich souverän handhabte.

Eigentlich bin ich auf recht lässige Weise relaxed geblieben, retrospektiv betrachtet. Habe beim Aushandeln mit dem Uniformierten, wer was wie in den Unfallbericht schreibt, mein bestes Englisch ausgepackt. Und mir danach gedacht: Musst du in deinem Leben sowieso auch einmal gemacht haben: Verkehrsunfall in Irland, verursacht durch Verwirrtheit infolge des In-ein-700-Mann-Hobbyfahrradrennen-Geratens. Nach einer halben Stunde und ausgiebiger Begutachtung der Schäden trollten wir uns vom Ort des Geschehens, die Radler waren ohnehin schon lange über alle Berge. Beziehungsweise über den Hügel von Skryne, von dem ich damals noch fest annahm, dass es der Hügel von Tara ist. Warte jetzt gespannt, ob ich in den nächsten Tagen von Hertz noch Post kriege.

Nur der Volvo hat mir leid getan. Er versah während der drei Tage Dublin seinen Dienst nämlich wirklich vorbildlich, ich war gern mit ihm unterwegs. Diese tiefen Schnitzer, die ich ihm beigebracht habe, hat er ganz sicher nicht verdient. Ich hoffe, es geht im gut.

Jetzt Liam

Kein guter Tag für Liam O´Dough. Wer steht schon gerne an einem Samstag früh auf, weil er zum Dienst muss. Und dann auch noch allein, weil die Frau bereits in der Küche hantiert, während man selbst noch gegen das Aufwachen kämpft. Als Liam gähnend zur Kaffeemaschine gestapft war, hatte sie ihm umstandslos mitgeteilt, dass sie geht. Nicht: gehen wird. Sondern: geht. Und Siobhán O´Dough hatte tatsächlich unmittelbar nach Beenden des Satzes die geöffnete Küchentür zur Seite geschwungen, die dahinter abgestellten und im voraus gepackten beiden Koffer mit entschlossenen Händen ergriffen, war wortlos aus dem Haus marschiert. Liam war sogar noch perplex genug gewesen, ihr zuerst die Tür zum Windfang und dann auch noch die hinaus auf den Vorplatz des kleinen Hauses aufzuhalten, das noch lange nicht hypothekenbefreit war, auch wenn die Raten derzeit als Folge der Wirtschaftskrise ruhten und die Anglo Irish Bank sich diesbezüglich erstaunlich großzügig zeigte. Könnte sein: weil man dort selbst einiges damit zu tun hatte, mit der Verharmlosung der vielen auf den internationalen Kapitalmärkten verspekulierten Milliarden aus den vergangenen Jahren zu Rande zu kommen.

Liam war nach Siobháns Abgang noch lange in der engen Auffahrt gestanden, hatte verwirrt in den Morgen des Dubliner Arbeitervorortes geblinzelt und sich dann in der Küche mit heißem Teewasser die linke Hand verbrüht, weil die rechte dermaßen zitterte, dass er den Strahl nicht in die Tasse bugsieren konnte. Tatsächlich hatte er Minuten später auch noch hellbraune Schuhwichse auf seinen Toast geschmiert, was ihm aber glücklicherweise bereits beim ersten Biss aufgefallen war. Siobhán hatte wohl, als Liam sich noch nichtsahnend im Bett befand, ihre Fluchtschuhe am Küchentisch auf Hochglanz gebracht und die geöffnete Dose mit der Politur dann direkt neben der Butterschachtel stehen lassen. Möglicherweise sogar eine beabsichtigte Falle für den bald schon verlassenen Ehemann, ein letzter Gruß des Hasses zum Abschied nach fünf Jahren verkorkster Ehe.

Und dann lümmelte er schließlich an der Kreuzung der Straßen nach Trim und Dunsany und winkte Radfahrer durch. Liam hasste es. Samstagdienst wegen der „Cycle Skryne Challenge“. 783 Hobby-Radler, die den Barhocker im Pub für diesen einen Tag im Jahr gegen den Sattel ihres Rennrads getauscht hatten, das ansonsten weitgehend unbenutzt im Schuppen vor sich hin rostete. Unsportliche Männer, nicht wenige bereits im fortgeschrittenen Alter. Für Liam und seine Kollegen der Zivilschutzbehörde des County Meath hieß das: Kreuzungen sichern, den Straßenverkehr anhalten, bis eine Gruppe Radler passiert hatte, und danach die Autos zur raschen Weiterfahrt antreiben, bevor der nächste Schwung kam. Einen ganzen Nachmittag lang. Dass dann ausgerechnet Liam die ihm zugewiesene Kreuzung nur eine halbe Stunde lang besetzt halten musste, kam ihm wie eine Erlösung vor. Denn nichts erschien ihm an diesem einen schrecklichen Samstag schlimmer, als am Straßenrand stehen zu müssen, kaum Ernsthaftes zu tun und alle Zeit der Welt zu haben, an Siobhán zu denken. Dann kam der Funkspruch der Besatzung des Rettungswagens wenige Kurven weiter, die Straße war abzuriegeln. Einer der älteren Herren, entnahm Liam dem zerhackten Geschnarre, war beim Aufstieg zur Anhöhe auf dem Hill of Skryne am Fahrrad kollabiert, tonlos in den Straßengraben gekippt und dabei dem Leitbock einer Schafherde direkt vor die Hörner gefallen, die neben der Straße ihr Picknick veranstaltete. Viel Blut war geflossen und die Sanitäter mussten weit mehr als nur eine formidable Dehydrierung behandeln. Der Bock hatte bei der Verteidigung seines Harems einen erstklassigen Job gemacht und den Mann übel zugerichtet. Jedenfalls war an einen raschen Abtransport ins Krankenhaus nicht zu denken. Sogar Liam konnte auf den ersten Blick erkennen, als er an der Unfallstelle eintraf: Hier war eine umfassende Erstversorgung vonnöten.

Er manövrierte seinen Dienst-Nissan in eine schräge Position zur Straße. Die Radler im nun nur noch 782 Mann starken Feld konnten mühelos durch die Lücke zur Anhöhe hinauf treten, doch Autos mussten anhalten. Liam besah sich den Standplatz seines sorgfältig platzierten SUV nochmals von allen Seiten. Er stellte sich neben das an seiner Rückseite mit gelb-roten Balken grell bemalte Fahrzeug und kaute zufrieden auf seinem Kaugummi. Hinter der Kurve konnte er einen Motor hochdrehen hören. Ein Auto, das hinter den Radfahrern im ersten Gang fährt und weder hochschalten noch überholen kann, dachte Liam. Dann sah er einen silberfarbenen Volvo mit Dubliner Kennzeichen hinter multipel bunten Trikots aus dem Grün einer Hecke auftauchen.

Schließlich Siobhán

Die Tage der jungen Frau waren ein strahlender Weihnachtsbaum. Seit sie ihren Mann verlassen hatte, tauchte das Leben ihre Welt in Glück. Ein einziges Mal nur noch musste sie, nachdem sie mehr oder weniger wortlos aus dem tristen Backsteinhaus im Norden Dublins verschwunden war, mit einem Überraschungsangriff des Universums zurecht kommen, der jedoch harmlos war. Siobhán hatte die Stadt nach ihrem ehelichen Auszug nicht sofort verlassen, war nicht unmittelbar in die kleine B&B-Pension im Örtchen Dunsany gezogen, wie sie es eigentlich vorgehabt hatte. Sondern war hinaus nach Howth gefahren, um sich dort für eine Stunde den stürmischen Wind der Irischen See um die Nase wehen zu lassen, den Blick auf die kleine, vorgelagerte Insel Ireland´s Eye zu genießen, den sie mochte und an dem sie sich während der vergangenen Ehejahre in zahllosen verunglückten Gemälden versucht hatte. Nie war es ihr gelungen, Ireland´s Eye in adäquater Weise auf die Leinwand zu bringen, an keinem Tag der Woche, bei keiner Stimmung des Lichts, unabhängig von jeder Wetterlage, nicht bei Regen und nicht bei Sonne. Ireland´s Eye hatte nachhaltig und erfolgreich Widerstand gegen Siobháns Pinsel und Farben geleistet.

Als sie dann draußen im Knick der Hafenmauer ganz oben auf deren Kante gestanden und den Kilometer hinüber auf den kargen Felsbrocken gesehen hatte, war eine Möwe von hoch oben in halsbrecherischen Kreisen auf sie hinunter getrudelt, hatte höchstens zehn Meter über Siobháns wehendem Haarschopf radikal gebremst, einen erstaunlich zackigen Aufschwung hingelegt und sich an dessen tiefstem Punkt erleichtert. Die weiße Möwenkacke hatte, vom Wind treffsicher gesteuert, ihren Weg genau auf die frisch polierte Spitze von Shiobháns rechtem Herbststiefel gefunden. Ein fetter weißer Patzen Scheiße auf dem vor zwei Stunden erst sorgfältig polierten Leder. Siobhán hatte geflucht und einen sehr kurzen Moment überlegt, ob sie das als Zeichen für eine gewisse Unkorrektheit ihres Handelns deuten sollte. Doch rasch hatte sie sich dann zu einer konträren Interpretation entschlossen: Die Möwenkacke war, hatte Siobhán entschieden, zwar eine gerechte Strafe dafür, dass sie ihrem Mann diesen unnötigen Abschiedsstreich mit der Schuhwichse gespielt hatte, der vermutlich gerade krank gemeldet, entnervt und einsam am Küchentisch saß und soff. Oder sich trotz des für ihn überraschenden Endes seiner Ehe in eine ungebügelte Uniform gepresst in tiefer Verzweiflung am Weg zum Samstagdienst befand. Eine Strafe, die sie hinzunehmen hatte. Und so entschied sich Siobhán, dass dieses kleine Häufchen Scheiße viel weniger an Bestrafung war, als ihr das Leben für das Verlassen des Mannes schicken hätte können, und dass sie es daher als Zeichen zu nehmen hatte, dass sie zwar nicht übermütig werden durfte, aber grundsätzlich richtig lag.

Siobhán hatte in den Ostwind gegrinst, Zeichenblock und Bleistift ausgepackt, sich auf den kalten Stein der Kaimauer von Howth gehockt und zum ersten Mal in ihrem Leben ein wirklich gelungenes Bild von Ireland´s Eye zu Papier gebracht.

Dann war sie nach Dunsany gefahren, hatte zunächst im Bed&Breakfast von Mary Lhearbhearleann eingecheckt und war danach zu einem langen Spaziertgang aufgebrochen. Der hatte sie hinauf zur Straßenkreuzung von An Fhaiche am Hill of Skryne geführt. Kurz bevor sie den Platz vor O´Connells Pub oben erreicht hatte, war sie, unbemerkt hinter einer der Steinmauern am Straßenrand stehend, überrascht Zeugin geworden, wie ein offensichtlich Fremder in Panik auf der Flucht vor Teilnehmern eines Amateur-Radrennes das Dienstfahrzeug ihres Mannes beschädigt hatte, dem vor lauter Schreck der Kaugummi aus dem offenen Mund gefallen war. Siobhán war zwar sehr verwundert gewesen, dass sie Liam hier im einsamen Hinterland von Dublin noch einmal sah, nachdem sie ihn erst Stunden zuvor aus ihrem Leben gestrichen hatte, doch der Anblick ihres verstörten, verlassenen Mannes hatte ihr diebisches Vergnügen bereitet. Von diesem Moment an war für sie das Leben im Lot.

Achill Island

Der Volvo schmierte schnurrend über die Autobahn. Sein Tank war gefüllt, die Windschutzscheibe gewischt, alle Flüssigkeiten kontrolliert, der Wagen befand sich wieder Hochform. Und er hatte diesmal tatsächlich Glück gehabt. Monate war er wegen eines Fehlers in den Dokumenten, eine von vielen Nachlässigkeiten, die einem mürrischen Operator in der Hertz-Zentrale aus Liebeskummer unterlaufen waren, unrepariert auf dem Hinterhof der Dubliner Niederlassung gestanden. Bis der junge Mann schließlich entlassen wurde und ein älterer, seit langem glücklich verheirateter und somit gegen Liebessorgen immuner Kollege die unerledigten Aktenstöße übernommen hatte. Er war rasch auf den unreparierten Volvo gestoßen, hatte die Beseitigung aller Unfallspuren veranlasst, von denen einige Kratzer und Schlieren an den Rändern bereits Rost angesetzt hatten, und das Fahrzeug danach durch das Aufstempeln eines großen „ready for sale“-Zeichens auf die Verwaltungspapiere zum Verkauf freigegeben. Den Einjahresdienst, für den die Fahrzeuge der Verleihfirma gewöhnlich vorgesehen waren, hatte der Volvo absolviert.

Mit dem satten Plock, das der schwere Hertz-Stempel verursachte, als der Mann ihn auf die Papiere knallte, war ihm die Künstlerin eingefallen, die er in Stephens Green kennengelernt hatte, als seine Frau und er eines Sonntags den Schwänen zugesehen und die Bleistiftzeichnungen der Vögel bewundert hatten, welche die Frau anfertigte. Von ihrer jahrelangen Malblockade hatte sie dem Paar erzählt, und der plötzlichen Befreiung danach, von dem Galeristen und seinem Freund, einem Kunstkritiker. Wie ihr Pinsel, Farben, Stifte und Kohle plötzlich, gleichsam über Nacht, ganz wie von allein zuwuchsen und wie das Geld für die vom Galeristen verkauften und vom Kunstkritiker promoteten Bilder in immer atemberaubenderer Geschwindigkeit mehr und mehr wurde. Binnen weniger Monate war es genug für ein Grundstück an der Westküste, hatte Siobhán dem freundlichen Mann und seiner Frau berichtet, an einem der schönsten Plätze Achill Islands. Und, so hatten die deutschen Vorbesitzer betont, dem letzten Ort, für den es eine aufrechte Baubewilligung gab. Die Pläne hatte das Architektenpaar fertig gezeichnet und eingereicht, ein „Artist Studio“ im typischen Cottage-Stil der alten Steinhäuser der Insel, karg und klar, rudimentär und schön, perfekt für eine Malerin. Alles was Siobhán nach Unterzeichnung der Verträge zu tun hatte, war, innerhalb von fünf Jahren mit dem Bau zu beginnen. Ein großes Auto wolle sie noch kaufen, hatte sie erzählt, vor einer Schwan-Familie sitzend und wild mit dem Daumen über die Zeichnung wischend, sie hoffe auf eine günstige Gelegenheit. So war der Volvo in ihren Besitz gekommen. Dann: Achill Island, Baubeginn, ein Leben mit Blick auf den Atlantik, das kleine Ireland´s Eye im Kopf und weit, weit hinter dem Horizont eine viel größere Insel, Amerika.

Siobhán saß im Volvo, der die Kilometer auf der neuen Autobahn mit einem beruhigend monotonen Brummen in sich aufsaugte. Sie hatte sich für die Route über Galway entschieden, wollte dann am Westufer des Lough Corrib entlang nach Connemara hinein tingeln, bei Maam´s Cross in Richtung Letterfrack abbiegen, dann an Cong vorbei durch Joyce´s Country nach Norden fahren, das Viadukt von Newport nehmen, über die kleine Brücke am Achill Sound auf die Insel übersetzen, vorbei am direkt neben der Straße abgestellten Kutter mit dem poetischen Namen „Róisín“, und schließlich den scharfen Turn von der Schotterstraße in spitzem Winkel nach rechts hinauf zum Bauplatz nehmen. Den Volvo in den Wind des Atlantiks stellen und einfach da sein.

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