Der Beginn des seltsamen Tages

Ich erwachte aus einem versponnenen Traum, in dem die Welt eine andere war. Der orangefarbene Komodowaran, der mir soeben ein Ticket für das Sinéad-O´Connor-Konzert in der Hauptstadt von Burkina Faso verkauft hatte, zu einem stark überhöhten Preis, den ich allerdings in Wassermelonen zahlen durfte, war in Sekundenschnelle unter mein Bett gekrochen und hatte sich dort in Luft verpufft. Ausgesprochen seltsam. Hätte ich nach dem Aufwachen mehr Zeit gehabt, ich wäre beunruhigt gewesen.
Aber der Morgen lässt mir üblicherweise keine Nische zum Denken, da ist immer alles eine Angelegenheit von Sekunden. Aufstehen, Duschen, Anziehen, Zähneputzen und so weiter. Alles genau durchchoreographiert, ein Stakkato aus eingelernten Handlungen, für die es wesentlich ist, dass sie sitzen. Ein schlampiger Griff neben das Duschgel und schon stimmt der Zeitplan nicht mehr. Schleudert es mich in der Kurve vom Bad zur Kaffeemaschine, verliere ich wertvolle Zehntelsekunden, das rächt sich später. Dann ist entweder die Straßenbahn hinter dem nächsten Eckhaus verschwunden oder der Zug hat den Horizont genommen.
Ich dachte also nicht über das eigenartige Tier und seine Diffundierung nach, registrierte nur am Rande die weiße Straße vor dem Fenster, die gestern Abend noch grau war. Verschwendete Minuten später auch an den Taxifahrer keine Gedanken, der seinen Mercedes, welcher sich in einem Zustand befand, den ich einem Mercedes nie zugetraut hätte, durch jede zugeschneite Kanalvertiefung der Grazer Wickenburggasse in Richtung Bahnhof prügelte. Und dabei enthusiastisch zum orientalischen Gewinsel einer liebeskranken arabischen Weinbergschnecke aus dem Radio summte.
Ich bestieg den Zug nach Wien, der ein Railjet war.
Alles sauber, modern. Digitale Anzeigen informierten mich noch im Stand am Bahnsteig über Fahrzeit, Zugnummer, Haltestellen unterwegs und mehr. Die Türen öffneten langsam, aber automatisch. Eine Stufe fuhr mir entgegen und kantete an mein Schienbein. Mit leichter Hand federte ich meinen Samsonite in den Waggon. Draußen flockte immer noch der Oktoberschnee vom Himmel. Pünktlich zur Abfahrtszeit begannen die oftmals und wenig nachhaltig renovierten Grazer Bahnhofsgebäude aus dem Zugfenster nach hinten zu schwimmen.
Drinnen: eine überfüllte erste Klasse, Normalbetrieb also. Ich fand einen Platz, lehnte mich zurück und knipste den Kindle an: „Jude in Ireland“ von Julian Gough, den ich einen höchst kurzen Augenblick lang sogar einmal persönlich kennenlernen durfte, was Sie hier nachlesen können. Der Protagonist seines Romans, ein inkognito als Quantenphysiker Stephen Hawking durch Irland streunender junger Mann aus einem Waisenhaus in Tipperary, hatte gerade durch ein versehentlich nicht unterdrücktes Niesen die Hälfte der Stadt Galway in die Luft gesprengt und hing jetzt an den Kufen eines Helikopters, während er die Aussicht auf die drei wundersamen Aran Islands unter ihm genoss.

Seltsame, schräge Story. Aber die Realität heute: auch!

Höchst ungewöhnlich: Der Zugkellner etwa war penibel gekleidet, trug Krawatte und alles, was mich durchaus ein wenig erstaunte. Ich habe mit dem ÖBB-Catering ja schon andere Geschichten erlebt. Etwa vor ein paar Monaten jenen Kollegen des Krawattenträgers, der sich einfach an die Stirn des Erste-Klasse-Waggons stellte, einmal kurz seinen Blick in den Schlauch vor ihm warf und dann in die Tiefe brüllte: Naaaa, meine Hrrrrrschftn, wü wer a Kaffeetschal, naaaa? Eh net? Guaddd, geh i wieda. Und verschwand, noch ehe einer der Fahrgäste sich wundern konnte.

Dieser heute aber: Darf ich Ihnen einen Snack anbieten?, sagt er, und hält mir Snickers unter die Nase. Ja, ich nehm eines, sage ich. Sehr gerne, sagt er und geht eine Reihe weiter. Unglaublich, sage ich mir und beiße in die Schokolade. Bist deppert?, sagt die Schokolade, schon in der Früh, so wirst nie abnehmen!
Dann erst die Schaffnerin. Jawohl, eine Schaffnerin. Nicht einer dieser verlorenen Typen, wie die ÖBB sie sich sonst von den diversen Schutthalden des Lebens oder aus dem generösen Fundus der AMS-Unvermittelbaren holen. Und sie dann mit lebenslangen Vorzugsverträgen samt Frühestpensionierung wegen Schwerstarbeit ausstatten. Und die sich dann für alle leicht erkennbar, weil ungeniert, den ganzen Arbeitstag lang fragen, warum sie sich eigentlich mit Fahrgästen herumschlagen sollen, wo ihnen doch die Eisenbahnergewerkschaft jederzeit gerne eine voll bezahlte Auszeit vermitteln könnte und auch würde.
Nein, heute eine freundliche Schaffnerin. Samt einer Stimme wie Erdbeersaft, weich und gurgelnd, bestückt mit einem sonoren Erotik-Timbre. War sehr enttäuscht, als ich sie dann später nicht nur hörte, sondern auch sah. Aber vorerst ebnete sie ein paar meiner ÖBB-Vorurteile mit der Abrissbirne ein. Denn: eine Kosmopolitin. Drei Reihen hinter mir saß eine Britin und verstand kein Wort von der Frage nach dem Ticket. Oh british, sagte die Schaffnerin und parlierte ansatzlos im schönsten Oxford-Hochschulenglisch, wie ich es nicht mehr gehört habe, seit mir vor Jahren auf einer off-off-Broadway-Bühne in New York der Schauspieler Patrick Stewart einen Satz aus dem Stück „The ride down Mount Morgan“ entgegen schmetterte, den ich leider vergessen habe.
Direkt hinter mir dann eine steirische Grazerin, was für ein Kontrast. Die Steirer sind ja Meister in der Diphtongisierung von Monophtongen. Kein o oder e, aus dem sie nicht mühelos ein oooouuu oder ein aaaaaiiii machen. Die Schaffnerin beherrschte auch dieses und kommunizierte mit der Hinterwäldlerin in deren Muttersprache. Dann ich, ein kurzer Wortwechsel in reibungslosem Hochdeutsch, und schräg vor mir saß tatsächlich auch noch ein Kärntner. Sie ahnen, was kommt, ich schwöre: als wäre sie in Hermagor geboren oder in Eisenkappel oder im hintersten Gailtal.
Trotzdem sind die ÖBB die ÖBB, wie ich herausfand, während mich die Sprachgewandtheit der Zugbegleiterin in Erstaunen versetzte. Denn der Railjet, an sich als Expressverbindung zwischen Österreichs größter und zweitgrößter Stadt gedacht, durchraste zwar den Bahnhof der Metropole von Judendorf-Strassengel in erstaunlichem Tempo, hielt dann aber in Stübing. Das ist ein Dreihäuserdorf nördlich von Graz. Und danach hielt er in Frohnleiten, auch nicht viel größer. Und in Mixnitz-Bärnschützklamm, über dessen Größe Ihnen wahrscheinlich schon der Nahme ein bissl was sagen dürfte. Und so weiter. Während all dieser Stopps zeigte das elektronische Display über den Sitzen, wie es auch große Boeings und Airbusse haben, immer Bruck an der Mur als nächsten Halt nach der Abfahrt aus Graz an. Normalfahrzeit 35 Minuten. Aber bis wir dort waren, hatten wir fast zehn Minuten Verspätung aufgerissen.
Auf die Fragen der Fahrgäste nach dem Grund für das viele Stehenbleiben zeigte sich die polyglotte und multilinguale Schaffnerin erstaunlich wortkarg. Wahrscheinlich ärgerte sie sich, weil ihr Kreditkarten-Lesegerät kaputt war. Vielleicht habe ich die Antworten aber auch nur überhört, weil der Kärntner links vor mir eingeschlafen war und wie ein kaputter Elch röhrte. Auch der neue Railjet-Waggon gab Geräusche von sich, das Fahrwerk jaulte, als gäbe es kein Morgen. Muss wohl ein Wartungsfehler in den ÖBB-Werkstätten gewesen sein, vermutlich wegen personeller Unterbesetzung, weil der Großteil der Mannschaft sich in die Frühestpension wegen – naja, lesen Sie einfach ein paar Absätze weiter oben nach. Gerade kommt auch, kaum glaube ich es, der Kellner von damals mit dem Kaffeetschal in den Waggon. Den anderen haben die ÖBB scheinbar am Bahnhof Wiener Neustadt entsorgt. War ihnen wohl zu freundlich zu den Fahrgästen, das geht ja gar nicht.
Jedenfalls: Ist irgendwie ein seltsamer Tag, heute. Dabei zeigt die Uhr erst halb neun. Wer weiß, was da noch alles kommt. Befürchte, der orange Komodowaran könnte an diesem Tag nicht das Schrulligste gewesen sein. Ich werde Ihnen beizeiten berichten.

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