Liebes Kommod!

Liebes Kommod,

du fehlst mir so. Auch jetzt noch, nach diesen vielen Jahren, würde ich an manchen Tagen so gerne nach Hause kommen, mich an deine Bar setzen. Dahinter stünden dann Mehrnaz, Bettina oder auch, das am allerliebsten natürlich, Christiane – und ich müsste gar nicht viel sagen, schon käme mein Bier.

Mehrnaz erklärte mir dann zum zehntausendsten Mal, wie super es für eine Perserin ist, dass bei Sturm Graz jetzt ein Iraner Fußball spielt – obwohl Minavand, ich muss das hier anmerken, nie wirklich ein ganz großer Kicker war, der auf seiner linken Seite Sturms Spiel nachhaltig beflügeln hätte können. Er war eine Zeit lang ganz gut, aber er hätte es besser machen können. Oder Bettina, sie erzählte auf ihre nur ein ganz kleines bissl hantige Weise, wo sie letztens wieder unterwegs war und wer dort warum was gesagt hat und so weiter. Und Christiane – ach, überhaupt: Christiane! An die darf ich gar nicht zuviel denken, sonst werde ich gleich traurig.

Ich mochte es sogar, wie sehr man an manchen Tagen darauf achten musste, sich nicht an das linke Eck der langen Theke zu stellen, weil dort der STS-Musiker Steinbäcker seinen Stammplatz hatte, den er manchmal auf durchaus heftige Weise einforderte. Ein wenig ungustlhaft war das dann immer, aber im Kommod gewährte man lokal berühmten Kunstschaffenden eben einen kleinen Heimvorteil, das war schon in Ordnung.

Dieser Platz hinter der sanften Kurve, die das polierte Holz in Richtung Küche machte – man musste ihn sich erarbeiten. Dort stand keiner, der sich nicht über die Jahre zu einer Art Bestandteil des Inventars hochgedient hatte. Ich kann mit Fug und Recht sagen, auch ich gehörte damals zum Kommod dazu. Ich habe mir das Standrecht dort redlich ersoffen. Ich durfte dort stehen. Nicht nur, weil ich den Großteil des Personals kannte – angefangen bei Freundin Christiane, die alle paar Monate bei uns zuhause mit ihren Studentinnen-Kellnerinnen-Kolleginnen „Weiberabende“ veranstaltete, bei denen ich mich besser vertschüsste, obwohl ich die Mädls alle mochte.

Die linke Seite der Theke, aus Sicht der Zechenden betrachtet, war jedenfalls Stammgastland. Dort, wo die Engstelle zum Allerheiligsten lag, dem Platz hinter den Zapfhähnen, standen aber hauptsächlich eh nur die Kommod-Leute. Freunde des Hauses, Freunde des Personals, das Personal selbst, die Besitzer – und sie alle mischten sich zu jenem bunten Kommod-Konglomerat aus Grazer Menschen, das es weder davor noch danach irgendwo in der Stadt gab.

Liebes Kommod, du warst sowas von einzigartig!

Ich bin froh, dass der unsägliche Bürgermeister bei der gestrigen Gemeinderatswahl eine ordentliche Schlappe erlitten hat, unter dessen Amtsführung (fast bin ich ja versucht, zu behaupten: unter dessen heimlicher Regie) das Lokal dann in einer Nacht- und Nebelaktion abgerissen wurde. Die damalige Kommod-Belegschaft, Arbeitende ebenso wie Gastierende, hätten in ihrer Gesamtheit dieses neue Grazer Wahlergebnis als charmanten Ausdruck des Bürgerprotests gegen schwarze und sonstige Kälte sicher sehr gemocht.

Ich erinnere mich an viele schöne Kommod-Erlebnisse. Nicht wenige davon natürlich verbunden mit Christiane. Als sie etwa im Sommer einmal mit zwei großen Gläsern Erdbeerbowle von einem Dienst um halb drei in der Früh nach Hause kam. In ihrem Haar konnte ich den Kommod-Duft riechen. Eines der beiden Gläser steht heute noch in meinem Küchenkastl, das andere ließ ich im Laufe der Jahre ähnlich unachtsam zerbrechen, wie die Beziehung zu Christiane.

Koch Said, wenn er sich in seinen kurzen Pausen zum linken Thekeneck gesellte. Bei der Fußballweltmeisterschaft 1998 hatte er einen kleinen Fernseher in seiner Küche, Privilegierte durften bei jedem Tor kurz rein huschen und die Wiederholung ansehen. Gab es trefferreiche Spiele, brauchte ich während dieser Wochen deutlich länger für meine Biere. Selbstverständlich Wirt René, eine Art Anlaufstelle für alle und alles. Er war zu Recht beliebt Ende nie und ich kenne einige Frauen, die ausschließlich wegen ihm das Lokal besuchten. Und auch Kellnerinnen, die aus demselben Grund dort arbeiteten. Ich mochte vor allem, wie René dem einen oder anderen gestrandeten Grazer Sandler, der ins Lokal torkelte und um ein Getränk bat, meistens eine ganze Flasche Wein in die zerschlissene Manteltasche steckte.

Kommod halt.

Dazu die Weihnachtsfeiern im August, in ganzen Busladungen ließen wir uns an den Gleichenberger Hof eines der vier Lokalbesitzer karren, um dort zu essen und zu trinken.

Oder die vielen Besuche unten im Triangel, wenn das Kommod seine Pforten um zwei in der Früh schloss, während das Triangel bis vier Mitleid mit seinen Gästen hatte. Barkeeper und verkappter Literat dort unten: Wolfgang, heute ein Kollege, geachteter und von mir geschätzter Chefredakteur eines großen steirischen Magazins.

Die Nächte, als wir nicht ins Triangel mussten, weil das Kommod zwar schloss, aber ein kleiner Kreis im versperrten Lokal weiterfeiern durfte, bis der Tag kam.

Das Klavier.

Die vielen Freunde aus dieser Zeit, von denen ich heute kaum mehr einen sehe – bei fast allen weiß ich nicht einmal, was sie so treiben, wie es ihnen geht. Ganz schön viele Verluste sind das.

Liebes Kommod, das war wirklich eine schöne Zeit damals, am Ende des 20. Jahrhunderts.

So gerne würde ich an manchen Abenden, an denen die Eschenlaube als dein Nachfolger nur höchst unzureichender Ersatz ist, zu dir kommen und alles wäre dann wieder schön.

Du fehlst mir wirklich.

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2 Gedanken zu “Liebes Kommod!

  1. Danke. Obwohl sich bei mir jetzt die sentimentalen Reminiszenzen eher in Grenzen halten, weil ich diese Zeit ja im wahrsten Sinne des Wortes nachtfüllend bis zur Neige AUSGEKOSTET habe, überwiegend flüssig.Wolfgang (von unten)

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