Beine hoch!

Ehrlich, ich habe das bisher nie gemacht. Aber Sie kennen es sicher aus diversen Journalisten-Filmen: Reporter sitzen grundsätzlich mit hochgelegten Beinen an ihrem Schreibtisch. Walter Matthau und Jack Lemon in „Extrablatt“ zum Beispiel, da hat dauernd irgend einer der Journis die Schuhe auf der Platte. Und ich weiß nicht in wie vielen anderen TV-Mediengeschichten auch noch.

An sich irgendwie ungustiös, manierenlos, man tut so etwas einfach nicht. Schon gar nicht, wenn andere Menschen in der Nähe sind. Bloß ist die Sozialisierung ganz offensichtlich ein Hund. Denn ich: Jahrzehntelang wäre ich nicht im Traum auf die Idee gekommen, die Füße auf meinem Schreibtisch zu platzieren, weder im Berufs- noch im Studentenleben davor.

Komischerweise auch nicht in meinen Jahren als Wirtschaftsredakteur der „industrie“. Da haben damals wohl die Redaktionsräume im Haus der honorigen Industriellenvereinigung sowie die Präsenz des Herrn Krejci im Stockwerk unter mir eine Rolle gespielt, der genoss ja zu Recht den Ruf eines manierenmäßig Höchststandards lebenden und einfordernden Grandseigneurs. Kann mich noch an mein nagelneues, leicht rötlich schimmerndes Boss-Sakko vom Don Gil erinnern, das in den geschmacksverwirrten frühen 1990er-Jahren ausgesprochen schick war. Ich traf Krejci damit einmal am Gang – und ein schwerst irritierter Seitenblick des Herrn Professors samt tadelndem Momentum genügte, dass ich mich nach Hause vertschüsste, um in ein graues Jackett zu wechseln.

Aber jetzt: Seit ich bei einem Nachrichtenmagazin arbeite, finde ich mich plötzlich immer wieder mit den Füßen oben am Tisch. Die Sache ist nicht unbequem, stelle ich fest. Das Telefonieren zwecks Recherche flutscht nicht schlecht auf diese Weise, man kann den Notizblock bequem am Oberschenkel platzieren und mitschreiben. Es ist zwar nicht höflicher geworden im Laufe der Jahre seit den frühen amerikanischen TV-Filmen, gehört aber bei einem Nachrichtenmedium anscheinend zum guten Ton. Bei uns machen das mehrere Kollegen (Kolleginnen eigentlich nicht so sehr, fällt mir auf), im normalen Leben alles durchaus manierliche Menschen.

Ist wohl Teil des Nachrichtengeschäfts. Vor vielen Jahren hatte ich einmal ein Bewerbungsgespräch beim damaligen Chefred des Magazins „News“. Er empfing mich mit den Füßen am Tisch und den Worten Was wollen´S denn eigentlich bei uns? Er erhob sich nicht einmal aus seiner bequemen Position, um mir die Hand zu schütteln. War dann irgendwie auch kein so richtig gutes Gespräch, weder bekam ich den Job noch wollte ich ihn danach.

Egal. Ich beende den Blog jetzt (weil beim Tippen lagert sich´s die Beine wiederum nicht so gut auf der Platte ab, das ist dann nämlich ein bissl unbequem) und führe ein paar Telefonate. Damit das Blut von unten aus den Beinen, die dann oben sind, hinunter in den Kopf strömen kann.

Vielleicht fallen mir so ja endlich einmal gescheitere Fragen ein.

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