Die Terminatorwelle

Grazern wird diese kleine Geschichte bloß ein Gähnen entlocken, weil man sie längst kennt. Aber für andere Leser ist sie vermutlich neu, und vor allem: Sie ist vermutlich wahr. Zumindest kursiert sie in Graz seit Jahren, ohne dass je wer widersprochen hätte.

Rückblende um ein Jahrzehnt, so lange ist das schon her: Graz wurde am 1. Jänner 2003 für ein ganzes Jahr zur europäischen Kulturhauptstadt. Viele Künstler der Stadt ließen sich dazu Projekte einfallen, die meisten davon ehrlich gesagt ziemlich lächerlich. Denn es waren ja Grazer Künstler, die in Ihrer Sandkiste spielten – und nicht alles, was lokal als originelle Idee durchgeht, muss in der richtigen Welt auch so verstanden werden. Egal.

Ein Projekt: in die Mur eine schwimmende Insel pflanzen. Der Fluss ist kaum einen Meter tief, kein leichtes Unterfangen also. Auch, weil die Mur außerhalb der Steiermark gar nicht so wirklich als Fluss wahrgenommen wird. Sie ist irgendwie ein bissl schmal, man könnte sie glatt Rinnsal nennen. Ob es da eine Insel braucht? Jedenfalls, die Stadtväter waren begeistert.

Der international hoch angesehene Architekt Vito Acconci sollte das Ding designen und bauen. Folgende Geschichte wird dazu kolportiert:

Eine Abordnung aus Grazer Politikern fuhr, auf Steuerzahler-Kosten selbstverständlich, nach New York, um dem berühmten Mann das Projekt schmackhaft zu machen. Vermutlich mit einem gerüttelt Maß an provinzieller Bauernschläue brachte man den Architekten dazu, tatsächlich einen Vertrag zu unterschreiben. Dass dieser bei den Worten „Fluss“ und „Insel“ mehr ein Gewässer wie zum Beispiel den Hudson River im Kopf gehabt haben dürfte, war den Grazer Stadtvätern entweder unklar, oder sie hatten einfach darauf verzichtet, die Dimensionen der Mur näher zu beschreiben. Acconci stand dann ein paar Wochen später auf der Grazer Hauptbrücke, blickte zum ersten Mal auf das Flüsslein hinunter, in das die Insel zu legen war, und soll entgeistert ausgerufen haben: Oh, it´s a creek!

„Creek“, definiert das Onlinewörterbuch, ist ein kleiner Fluss, ein Bach, ein Flüsschen. Eher nicht breit und tief genug für eine schwimmende Insel jedenfalls. Weil ich an den Gestaden der Mur groß geworden bin, weiß ich: Kommt ziemlich hin.

Aber Vertrag war Vertrag, Acconci baute die Murinsel. Ein schickes, doppelmuschelförmiges schwimmendes Ungetüm aus Stahl und Glas. Unter Pomp und Getöse schraubte man an der Böschung schließlich stolz die aus USA angelieferten Einzelteile des großartigen Kulturhauptstadtprojektes zusammen und ließ die Murinsel zu Wasser. Aber jetzt: Problem. Die Mur war schlicht zu seicht, die Insel schwamm nicht, sondern saß auf. Natürlich hätte man sich das auch vorher schon leicht ausrechnen können. Aber Acconci war wohl doch zu sehr New Yorker mit New Yorker Dimensionen im Kopf. Und die Grazer waren vermutlich einfach zu sehr Grazer.

Lösung: Man schob unter massivem Baggereinsatz 50 Meter flussabwärts mit riesigen Steinbrocken und tonnenschweren Quadern ein künstliches Hindernis in den Fluss, eine Art Natursteinstaumauer über die gesamte Murbreite, die ohnehin mehr eine Schmäle ist. Und weitere 50 Meter später gleich noch einmal. Der Wasserstand erhöhte sich tatsächlich soweit, dass die Insel – schwamm. War das eine Freude. Nach Ende des Kulturhauptstadtjahres wurden die meisten Projekte der Grazer Künstler (zum Beispiel der ins Leere führende Lift am Eisernen Tor, mit dem man im Freien rauf und runter fahren konnte und sonst nichts) dann einfach an den Meistbietenden verkauft. Das war nicht leicht, es fanden sich nämlich kaum Interessenten und der Meistbietende war in der Regel auch der einzige Bietende.

Die Murinsel war wohl zu teuer oder zu sperrig, vielleicht wollte sie auch einfach niemand haben. Sie schwimmt jedenfalls noch immer in der Mur, musste zwischenzeitlich aber bereits einmal geflickt werden, sonst wäre sie gesunken. Eh nicht wirklich, weil die Mur ja wie gesagt… Aber 20, 30 Zentimeter nach unten wären sich womöglich doch ausgegangen. Das Café in der Insel ist praktisch verwaist, der angeschlossene Veranstaltungsbereich ebenso. Lediglich Touristen frequentieren das schrullige Ding im Sommer und wundern sich über das Bauwerk. Grazer meiden die Murinsel. Ich kenne niemanden, der dort schon einmal einen Kaffee zu sich genommen hätte.

Aber die beiden Staumauern! Dort schäumt und spritzt und sprudelt es ganz ordentlich. Vor allem die zweite, die unmittelbar nach der Grazer Hauptbrücke in die Mur gesetzt wurde. Sie bekam postwendend den Namen „Terminatorwelle“ (immerhin sind wir ja in Graz, der Geburtsstadt von Eiche Arnie). Um die, auf und oberhalb der Terminatorwelle spielt es sich ab. Im Sommer simulieren dort nämlich Kitesurfer Windstärke zehntausend, indem sie sich ein Seil um den Bauch binden, es oben am Brückengeländer befestigen und so unter dem Gejohle der Passanten die Terminatorwelle besurfen. Am Ufer hat sich eine Getränkestandl-Graffiti-Musik-Subkultur entwickelt, alles ist eine ziemliche Touristenattraktion. Die totale Erfolgsgeschichte für die Stadt, und das völlig unbeabsichtigt.

Nur die Murinsel 100 Meter flussaufwärts, die das eigentlich sein sollte, ist es: nicht.

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