Bareschs Opernball

Im Vergleich zu früher ist der Opernball nicht viel mehr als ein Kindergeburtstag. Eine Parallelgesellschaft von Profilächlern, die sich selbst abfeiert, Belanglose treffen andere Belanglose und tun Belangloses. Bloß noch ein Abziehbild früherer Dramatik.

Ich meine, früher!

Da ging es am Tag des Opernballs hoch her. Ich erinnere mich an jene Jahre, als ich ein paar hundert Meter weiter im Haus der Industriellenvereinigung als Redakteur des Wochenmagazins „Industrie“ Dienst tat. Nachmittags wurde das Gebäude dicht gemacht, weil man Angst vor den Demonstranten hatte, die am Ring schön langsam aufmarschierten.

Ja, richtig: Es gab Zeiten, da wurde noch gegen den Opernball demonstriert.

Und wie. Da flogen ordentlich die Fetzen und Polizeiknüppel sausten wie Racheengel eines in die Enge getriebenen, panischen Staatsganzen durch die Luft auf Demonstrantenköpfe herab. Mit schöner Regelmäßigkeit las ich jedes Jahr in den Zeitungen von Dutzenden verletzter Polizisten, die sich tapfer in Hundertschaften den zahlenmäßig unterlegenen Demonstranten entgegengeworfen hatten. Wunderte mich allerdings, weil es dann nie Bilder gab, auf denen Demonstrierende Polizisten verprügelten. Sondern immer nur umgekehrt. Warum die neutralen Medien nach den Straßenschlachten nie Fotos von verletzten Polizisten abdrucken konnten, sondern immer nur von schlimm zugerichteten Demonstranten, ist für mich nach wie vor eines der großen ungelösten Rätsel des österreichischen Sicherheitswesens. Wo doch laut behördlichen Presse-Briefings ausschließlich die Polizei Prügelopfer zu beklagen hatte.

Opernballbesucher gegen Autonome, das war jedenfalls in den späten 1980er-Jahren Dramatik pur, zumindest einmal jährlich einen Abend lang im Februar.

Dieser Abend war jedes Jahr auch die große Zeit Bareschs, in welcher der massige, ruhige und gutmütige Portier der Industriellenvereinigung immer zu seiner eigentlichen Berufung fand. Für mich in meiner Erinnerung ist daher der Opernball nicht einfach nur der Opernball, sondern irgendwie: Bareschs Opernball.

Die Industriellenvereinigung läutete Punkt halb fünf im ganzen Gebäude eine Glocke – Zeichen für die Menschen im Haus, zusammenzuräumen und zu gehen, weil gleich dicht gemacht werden würde. Dann wurde der Paternoster gestoppt, man schloss alle Türen nach draußen, man verbarrikadierte sich. Schließlich war nicht auszuschließen, dass ein paar Demonstranten auf die Idee kommen könnten, vom Mainstream der Empörung gegen das kapitalistische Österreich, das sich in der Staatsoper versammelt hatte, zu einem Seitenstrang der Bourgeoisie an den Schwarzenbergplatz zu ziehen. Und dort das Haus der Industrie zu stürmen. Was im Übrigen ziemlich leicht gegangen wäre, denn selbstverständlich reichte die Phantasie der Polizei nicht so weit, diese Möglichkeit in ihre Aufmarschpläne mit einzubeziehen.

Aber die Industriellenvereinigung war trotzdem sicher, denn sie hatte: Baresch.

Der Portier war ein Mann wie ein Bison. Ein Fleischberg, Muskeln wie ein Elefantenrüssel, ein monströser Stiernacken, Hände wie Kohleschaufeln. Sanft an sich, aber am Opernballtag wurde er Tier, zu wilder Verteidigung des Sitzes seines Arbeitgebers entschlossen. Hatte er mit einigen Gehilfen erst einmal das gesamte Haus der Industrie hermetisch abgedichtet, bezog Baresch Posten an der Ecke Schwarzenbergplatz/Lothringerstraße und starrte mit unverwandtem Blick in Richtung Ring und Staatsoper. Von hinten sah er dann immer aus wie wie Conan der Barbar auf kompromisslosem Vernichtungstrip, nur irgendwie größer, stärker, brutaler. Von vorne sah er deutlich furchteinflößender aus.

Was soll ich sagen, nie verirrte sich auch nur ein einziger Demonstrant in die Nähe des Hauses der Industrie.

Wahrscheinlich hatte einmal einer aus der Ferne einen Blick auf den am Straßeneck einbetonierten Baresch erhascht. Das dürfte zur Abschreckung gereicht haben. Die Demonstranten, für die ich damals übrigens durchaus gewisse Sympathien hegte, zogen prügelnde Polizisten, Wasserwerfer und die drohende Verhaftung wohl einer Baresch´schen Genickwatsche vor, die auszuteilen er sich fest für den Fall vorgenommen hatte, dass sich tatsächlich ein Vermummter in seine Nähe trauen sollte.

Ich mochte Baresch sehr und verstand mich gut mit ihm. Ich war immer einer der letzten, die am Opernballtag das Haus der Industrie verließen. Baresch befand sich da bereits an seinem Posten. Im Vorbeigehen klopfte ich ihm immer auf die Schulter.

Passen´S gut auf!, oder so ähnlich raunte ich ihm jedes Jahr zu.

Aana sull si nur hertraaaaun, dem giiwi a Gnackwatschn, daaassaa si nimmer aauskennan tat, antwortete Baresch mir dann und dehnte vor allem die Diphthonge auf eine Weise zu langen, monophtongen Lauten, dass sie wie die ultimative Todesdrohung klangen, eine finstere Ankündigung drohenden Unheils. Scheenan Obnd!, rief er mir dann meistens noch freundlich nach.

Am nächsten Tag, wenn ich in die Redaktion kam, saß Baresch bereits wieder frisch und vergnügt in der Portierloge, die er mit seinen mindestens 150 Kilo gut ausfüllte.

Noch alles klar gewesen gestern?, fragte ich am Tag nach dem Ball beim Betreten des Hauses jeweils.

Noo, wos glaum´S?, antwortete er mir und grinste.

Und ich wusste: Die Industriellenvereinigung war auch am vergangenen Abend der sicherste Ort Wiens gewesen, obwohl nur dreihundert Meter entfernt die wildesten Straßenkämpfe tobten. Seit Baresch nicht mehr ist, ist der Opernball für mich nicht mehr das, was er früher einmal war.

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