Das Original der Idee

Die Idee hatten schon viele, vermute ich. Weil ich kein Literaturexperte bin, kenne ich aber nur die deutschsprachigen Varianten. Von ihnen kann ich sagen, dass die künstlerische Umsetzung des Gedankens den Handwerker vom Genie unterscheidet, die Spreu vom Weizen trennt.

Herbert Rosendorfer etwa, der nette deutsche Geplänkelschreiber mit seinen stromlinienförmig grinsenden Schilderungen, die nicht mehr sind als Massenware für Bild-Leser, welche sprachlich aufsteigen wollen: Spreu.

Thomas Glavinic in Österreich, den ich überhaupt nicht aushalte, weil ich der festen Meinung bin, dass er der überschätzteste Schreiber ist, den das Land je hatte: nicht einmal das.

Sein Versuch an der ganz großen, endgültigen Story ist ein schreckliches literarisches Unglück. Als Idee ist Glavinics „Arbeit der Nacht“ einfach nur ein Plagiat. Als Geschichte miserabel erzählt. Als Kunstwerk eine Tragödie mit desaströsen Elementen. Stärker gelangweilt habe ich mich mit keinem Buch, das ich in den vergangenen Jahren las. So schlimm war es nicht einmal bei Rosendorfers Variante des Themas.

Dafür aber Marlen Haushofer! Und ihre Version dieser Geschichte des letzten Menschen auf der Welt, den die skurrile, unerklärliche und schreckliche Bösartigkeit des Schicksals ganz plötzlich überfällt und in eine brutale Wirklichkeit der allerletzten Dinge stößt.

Das sieht man, wie so eine zutiefst totalitäre Geschichte erzählt werden kann, erzählt werden muss. Wenn jemand es tut, der sein Metier beherrscht. Denn selbstverständlich muss man allergrößter Künstler sein, um eine Handlung voranzutreiben, in der nur ein einziger Mensch vorkommt, der endgültig allein ist, mit niemandem mehr sprechen kann und um Gewinn oder Verlust seines Daseins kämpft. Was Haushofers „Die Wand“ betrifft, bin ich ja wirklich Spätstarter. Das Buch kam erst zu mir, seit ich den Kindle besitze. Den Film habe ich überhaupt noch nicht gesehen. Aber nach zwei Tagen Wand-Lektüre, ausgelesen gestern lang nach Mitternacht, bin ich begeistert.

Diese schöne Sprache. So kurz und klar, so poetisch und dramatisch, so versponnen in der Schilderung und trotzdem ein Fallbeil. So Angst machend. Aber auch so Glück an einen entschwindenden Horizont zeichnend. Das ist eines der großartigsten Bücher, die ich je gelesen habe. Empathische Menschen könnten Probleme damit bekommen, weil die Schilderung soviel Beklemmung auslösen kann. Was bei Glavinic lachhaft wirkt wegen der tollpatschigen Versuche, Größe zu simulieren, ist bei Haushofer ein Gewehrschuss mitten ins Herz. Rosendorfer ist im Vergleich zur Schreibe der längst verstorbenen österreichichen Sprachkünstlerin ein biederer Handwerker, Glavinic sowieso ein Dilettant.

Ich hoffe in der Begrenztheit meines literarischen Wissens: Haushofers Version der Geschichte des letzten Menschen ist das Original der Idee.

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