B-Day, vormittags

Zuallererst verschlafe ich.

Weil dem Handy-Wecker über Nacht der Saft ausgegangen ist. Dann hat es geschneit, das bedeutet in Wien: Straßenbahn hat Verspätung oder kommt gar nicht. Ich also: zu spät zur Redaktionssitzung. Wozu brauchst denn a Sperrfrist, sagt dort einer zu mir, eh nur im Spaß, vergiss des einfach. Tu ich natürlich nicht, für im guten Glauben anvertraute Informationen bin ich das Schweizer Bankgeheimnis – und zwar so schweizerisch, wie es vor einigen Jahren noch war, bevor die Amerikaner die UBS zur Herausgabe von Daten erpresst haben.

Dann sitze ich am Schreibtisch und bemerke, dass ich noch gar kein Frühstück hatte. Der Kaffee aus dem Automaten im 8. Stock ist selbst in der Nullzuckerversion eine Tragödie. Leider habe ich die Blonde unten im Coffeeshop vor ein paar Tagen beleidigt (sind Sie betrunken?, wollte ich wissen, weil sie nicht den aufgewecktesten Eindruck hinterlassen hatte) – und bin jetzt unsicher, ob ich dort wirklich noch den bestmöglichen Kaffee kriege. Oder aber eine spezielle Klaus-Puchleitner-Mischung, in die irgendwer heimlich hinein spuckt. Denke darüber nach, ob der Ausdruck  „blond und blöd“ eine Chance hätte, als klassische weibliche Aliteration in die Literaturgeschichte einzugehen. Das männliche Äquivalent wäre dann „blad und blöd“ – also ich. Verwerfe beide Gedanken wieder.

Ich wache in Wien meistens allein auf, also kein Geschenk gleich in der Früh. Kurz nach Mitternacht riss mich dafür
das Plingplong einer eingehenden SMS aus dem Schlaf (da hatte der Akku noch Strom), doch so etwas stecke ich eh locker weg, grunze kurz im Halbschlaf und träume weiter.

Aber jetzt der Traum, kein guter für die Nacht in einen Geburtstag: Aus irgend einem Grund findet sich in meinem Wohnzimmer nämlich plötzlich eine Kobra, ehrlich. Sie liegt zusammengerollt in der Zimmermitte auf dem Teppich, züngelt ein wenig und hat das Haupt erhoben, den Rückenschild leicht gespreizt. „Spreads a narrow hood“, zitiere ich im Traum wissend aus einem Buch über südafrikanische Schlangen eine Passage über die der Kobra verwandte „Uräusschlange“, die ich einmal gelesen habe. Ansonsten rührt sich das Vieh nicht, Gott sei Dank. Kein Problem, beruhigt mich am Telefon der Schlangenexperte, den ich sofort anrufe, bewegen Sie sich nur nicht allzu viel, dann tut sie nix, ich schau bei Gelegenheit vorbei und kümmere mich drum. Recht entspannt, der Mann. Am wenigsten bewege ich mich im Schlaf, überlege ich und gehe daher im Traum zu Bett. Später wache ich auf (nicht wirklich, sondern eben nur träumerisch) und kontrolliere das Wohnzimmer. Die Kobra ist noch da und lässt weiterhin keinerlei Anzeichen von Aggression erkennen. Beruhigt schlurfe ich wieder ins Schlafzimmer.

Obwohl ich am Morgen nach dem Aufstehen (dem echten jetzt) wenig Zeit habe, sehe ich sicherheitshalber kurz im Wohnzimmer nach: kein Teppich, keine Schlange. Bin doch ein wenig beruhigt, man weiß ja nie so recht.

Jetzt sitze ich also da und mache meine tägliche Social-Media-Checktour, Facebook und Twitter und Xing und so weiter. Spärlich tröpfeln die üblichen Glückwünsche ein – teilweise von Menschen, denen ich im richtigen Leben ewig lange nicht mehr begegnet bin oder die ich überhaupt so gut wie gar nicht kenne. Das virtuelle Leben halt, aber es ist eh sehr lieb gemeint, ich weiß das zu schätzen und bedanke mich hiermit recht herzlich. Auch bei denen, die mir eine SMS schickten oder mich anriefen!

Im Straßenbahnschneechaosstau vergeht bei der Fahrt in die Redaktion die Zeit als Strudelteig. Ich nütze sie, indem ich den Kindle zünde. „Blasmusikpop“ von Vea Kaiser, ein ganz superes Buch. Bloß, ein Mann trifft darin eine Entscheidung und verzichtet auf den Kontakt zu seiner Tochter, weil Umfeld zu feindlich und er der Überzeugung, so ist es für alle Beteiligten das Beste, vor allem für das Kind, was aber nicht so ist und Folgen hat. Kämpfe kurz, mitten in der Straßenbahn und Achtung jetzt weil: Persönliches!, mit den Tränen. Eigene Erfahrung und so. Geht aber vorbei.

Schon ein seltsamer Geburtstagsvormittag, alles in allem. 48 werden ist kein Schmutz.

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