Frühling

Überall sehe ich seit kurzem singende Wiener.

Das verblüfft mich, denn an sich sind die meisten Bewohner unserer Bundeshauptstadt ja eher Menschen von der grundgrantigen Sorte. Da kann es dir zum Beispiel leicht passieren, dass du auf der Mariahilfer Straße jemanden nach der Uhrzeit fragst und umstandslos ein wenig zärtliches Schleich di, Oida! entgegen geschleudert bekommst. Die Wiener lächeln wenig, lachen gar nicht, schimpfen viel und kämpfen sich griesgrämig durchs Leben. Fröhliches Singen geht überhaupt nicht, zumindest nicht in der Öffentlichkeit.

Heute in der Früh jedoch am U4-Bahnsteig Schottenring, ein Mann verlässt die Rolltreppe mit einer Opernarie auf den Lippen. Er intoniert, und das nicht einmal schlecht, die Akkorde mit vollem Geschäft, bis er das Schild „Kurzzugende“ erreicht. Dann übertönt ihn der Lautsprecher mit der Botschaft, dass die U4 wieder einmal irgendwo auf offener Strecke ihren Geist aufgegeben hat, in Wien so etwas wie Alltag. We apologize for any inconvenience.
Oder gestern Abend, ich ging von einem Termin nach Hause und war unter dem Karlsplatz am Weg
zur U2. Dort bauen die Wiener Linien ja schon seit ungefähr fünftausend Jahren an einem neuen, multiplen Stationssystem und leiten potenzielle Fahrgäste auf immer neuen, immer verschlungeneren Wegen durch diverse Stockwerke, Schächte, Gänge, finstere Kavernen und andere Schleichwege um. Ich verirrte mich rasch in einen dead-end-Gang, an dessen Ende sich ein Aufzug mit angeklebtem Schild „zur U2“ befand. Davor: ein etwas schräg aussehender Wiener, singend. Tief unter der Erde
summte er eine mir unbekannte Melodie und wartete. Den Aufzug zu rufen schien ihm nicht der Mühe wert. Also drückte ich den Knopf. Er unterbrach sein Trällern, murmelte ein leises Danke und sang weiter. Auch in der Kabine. Es klang nicht gut und fast wäre ich zum Wiener geworden, hätte mich belästigt gefühlt und die Schleich-di-Oida-Verhaltensweise an den Tag gelegt. Aber in einer fahrenden Liftkabine ist so eine Aufforderung natürlich schwachsinnig.

Grundsätzlich wäre ich in derartigen Situationen sehr wohl zum Gegenschlag fähig. Denn ich habe mir in zahllosen Stunden unter morgendlichen Duschen und auf einsamen Autofahrten zwischen Wien und Graz den Irish-Trad-Song „Kitty“ antrainiert. Den Youtube-Link zur Version des ewig besoffenen Shane MacGowan habe ich schon im Blogeintrag „Oh Kitty“ gepostet, Sie können das ja dort nachhören. Die Sache ist dabei die: Ich kann absolut nicht singen. Ich meine, ich kann nicht nur einfach nicht singen, sondern sowas von überhaupt nicht singen, dass ich der einzige Mensch bin, dem es keine körperlichen Schmerzen verursacht, wenn ich es einmal doch tue. Der liebe Gott hat mich einfach mit anderen Talenten ausgestattet – ziemlich wenigen, wie ich hier verstimmt (hoho!) anmerken möchte, Singen ist jedenfalls klar nicht dabei.

Kommt mir also in einem Aufzug einer auf blöd und singt mir auf dilettantische Weise was vor, könnte ich mit meiner trommelfellzerfressenden Variante von Kitty jederzeit zurückschießen. Kitty singend bin ich ein Virus, der sich ins Gehirn frisst, dort alles Fühlende zersetzt und jeden auch noch so widerstandsfähigen Menschen umhaut. Das Pentagon hat schon bei mir angefragt, ob es mich als Geheimwaffe mitnehmen darf, wenn die Amerikaner demnächst den Iran oder sonst ein Land überfallen – das ölreiche Venezuela wäre nach dem Chavez-Tod vielleicht ein heißer Tipp. Keine Angst, ich habe natürlich abgelehnt. Kitty verwende ich nur in persönlichen Notfällen. Zum Beispiel, wenn ich eine Freundin wieder los werden möchte, nachdem die Liebe erkaltet ist. Erhebe ich die Stimme, vertschüssen sich die Damen für gewöhnlich wie nix. Weil ich auch sonst ganz schön ungustiös sein kann, wenn ich will, bin ich allerdings nicht ganz sicher, ob das wirklich nur auf den Gesang zurückzuführen…
Egal jetzt, ich schweife wieder einmal ab.
Die singenden Wiener also. Das Aufzugsproblem wurde ich ohne mein Zutun rasch los, weil der Mann, der wohl wirklich ziemlich schrullig war, plötzlich einen Burger aus seiner Manteltasche zog und herzhaft hineinbiss. Wenn es nach McDonalds stinkt, ist das zwar auch nicht super, aber wenigstens herrschte Stille. Jedoch singen sie derzeit in Wien wirklich überall, seit die Sonne wieder öfter scheint. Zurück zuhause, sah ich mir dann zum Beispiel das Stermann-Grissemann-Dingsbums im TV an. Dort schmetterte die als Mensch ausgesprochen peppige Operndiva Dasch mit dem lustigen EAV-Mann Eberhartinger und der Band Russkaja in einem Wiener Studio etwas in die Mikros. Schließlich sang in der ZiB 2 auch der emeritierte Verteidigungsminister Darabos im übertragenen Sinn vor Glück, was richtig gruselig war – nämlich den einmal entspannt und glücklich zu sehen. Selbst mein Wasserhahn im Bad pfiff eine undurchsichtige Melodie.
Ganz klar, das ist der Frühling. Der lässt die Herzen auch der verstocktesten Griesgrame springen und klingen und singen.
Sollten Sie übrigens demnächst irgendwo in Wien auf einen Typen treffen, der voller Inbrunst „Dirty Old Town“ vor sich hin schmettert – falsch, laut, schrecklich schlecht und völlig talentfrei: dann denken Sie sich nichts und fürchten Sie sich nicht. Das bin nämlich ich und ich will Ihnen nichts Böses. In dem Liederl kommt jedoch die Textzeile vor:
… I smelled the spring, on the smokey wind.
Das gefällt mir, und weil ich selbst hier im vom Winterstreu immer noch schmutzigen Wien den Frühling schon ein wenig riechen kann, wie er von der Engstelle zwischen Klosterneuburg und Korneuburg mit dem Wind in die Stadt weht und sie durchzublasen anfängt, passt das natürlich perfekt. Also singe ich´s.
Sie werden damit leben müssen. Und sagen Sie mir dann nur ja nicht, ich soll mich schleichen. Sonst: Kitty.
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