Dancing Stars

Grazil wie ein Lastwagen bewege sich der vor Jahrzehnten zugewanderte Austro-Boxer Biko Botowamungo, schreibt meine Kollegin M. im aktuellen FORMAT, über das Parkett des ORF-Tanzsaals bei „Dancing Stars“. Das gefällt mir und fast bedaure ich es kurz ein wenig, dass ich schon vor längerem beschloss, mir das schrullige TV-Abfeiern der Kleingeistigkeit made in Austria nicht mehr zu geben. Nicht nur, aber auch: Weil ich dieses Weichselbraun-Kampfgrinsen einfach nicht mehr aushalte.

Aber ich hab das eh schon immer gewusst: Ich passe einfach nicht in dieses Land.

Zumindest aber bringen mir die ungelenk springenden Promitänzer Erinnerungen aus meiner Jugend zurück. Damals: Tanzschule. Ich: schüchtern und in Bezug auf das andere Geschlecht grundsätzlich ziemlich überfordert, aber wer ist das als Fünfzehn- oder Sechzehnjähriger in Wahrheit nicht.

Meine Mutter hatte mich zuerst in ein erschreckend geschmacklos kariertes Sakko gesteckt (Brauntöne, wir reden hier von den sehr frühen 1980er-Jahren, in denen optisch manches recht schlimm war) – und dann in die In-Tanzschule der Stadt. Selbstverständlich war dort das Pubertäts-Dingsbums
strafverschärft, Buben und Mädchen wurden gnadenlos gegeneinander ausgespielt. Ich erinnere mich mit Schaudern an die Damenwahl-Schlachten. So cool konnte ich gar nicht dreinschauen, dass ich zu einem akzeptabel frühen Zeitpunkt von einem Mädchen angesteuert wurde. Und danach erst die Retourkutsche: Durften wir Burschen uns die Tanzpartnerin aussuchen, war das ebenfalls ein Stress. Selbst wenn man sich schnell genug zum Objekt seiner Begierde durchgekämpft hatte – der enttäuschte Blick des Mädchens dann, wenn man es dessen Wunschpartner vor der Nase wegschnappte: grausam. Man hatte es damals echt nicht leicht, als schüchterner Pickel-Bub im Zentrum des Dramas Pubertät.

Und das Tanzen selbst, oh Mann! Biko und ich wären vermutlich, würden wir uns kennen, gute Freunde. Und gingen lieber zusammen auf ein Bier, statt die Damenwelt beschwingt durch helle Säle und über blank poliertes Parkett zu schlenkern. Um es kurz zu machen, ich gab bereits beim Tango auf. Immer noch rasselt mir die von der nur selten komplett nüchternen Tanzlehrerin geschnarrte Schrittfolge im Ohr:

Links-rechts-links-rechts-wiiiiie-geee-schrittt

Genau als wir bei der auf den Wiegeschritt folgenden Kurve angelangt waren, entdeckte ich die eigentliche Bewandtnis des in dieser Tanzschule immer samstags stattfindenden Übungsabends. Das machte sofort vieles leichter. Ich verabschiedete mich nämlich aus dem Mittwoch-Kurs und besuchte nur mehr den Übungsabend am Samstag.

Denn selbstverständlich stand dabei nicht das Tanzen und das Trainieren der Schritte im Vordergrund, sondern die Disco im Keller. Dass ich einige Wochen benötigt hatte, um das herauszufinden, scheint mir im Nachhinein wie ein verspäteter Beweis, dass ich damals ein hoffnungslos zurückgebliebener Außenseiter war. Die cooleren Jungs aus meiner Klasse hatten das viel schneller überrissen – und mir und ein paar anderen Trotteln natürlich nichts gesagt. Sie verschwanden bereits im Laufe der zweiten oder dritten Kurswoche am Übungsabend mittendrin wie von Geisterhand, auch die hübscheren Mädchen waren immer bald einmal weg. Ab der siebten oder achten Woche war mir plötzlich klar, wohin die alle abtauchten:

Keller, Tanzschuldisco, soziales Interagieren.

Dort unten spielte es sich höllisch ab. Weitgehende Dunkelheit, ein paar gedämpfte Disco-Lichter, und jeden Samstag startete nach einigen schnelleren Musiknummern, um den Schein zu wahren, das eigentliche Programm, das ein höchst langsames war. Es gab sogar ein Art Code, an dem man erkennen konnte, wann man beginnen sollte, sich das weibliche Objekt seiner Wahl zu krallen. Du wusstest: Legt der DJ einmal Simon & Furunkels „Bridge over troubled water“ auf, ist es Zeit, sonst bleibst du über. Hattest du auch eine dreiviertel Stunde später bei „Je t´aime“ (Jane Birkin und Serge Gainsbourg, damals ein totaler Klassiker, meine Jahrgänge werden sich voller Wehmut erinnern) noch kein Mädchen ergattert, konntest du dich verabschieden und nach Hause gehen, der Abend war gelaufen.

Nicht, dass das soziale Interagieren dort unten im Keller beim Kummer – heute scheint mir der Name der Tanzschule sorgfältig gewähltes Programm zu sein, damals fiel mir die eindeutige Doppeldeutigkeit gar nicht auf – stressfrei im Sinne der vielen Fallstricke gewesen wäre, welche die Pubertät für uns Wehrlose eben so bereithielt. Aber ich lernte immerhin Wesentliches fürs Leben. Zum Beispiel, dass dieses zu 90 Prozent aus schmerzhaften Niederlagen besteht, zu fünf Prozent aus vermeintlichen und nur zu lächerlichen weiteren fünf Prozent aus echten Siegen. Kaum zu glauben, dass ich diese vielen Abfuhren, die ich mir holte, überhaupt ausgehalten habe. Ein Trost war mir nur, dass es den meisten Jungs wie mir ging, nur die voll total Supercoolen mit ihren aufgemotzten Mod-Vespas hatten von Haus aus gute Chancen.

Wahnsinn, ihr heute erwachsenen Mädels im allerbesten Alter, ihr hattet uns Jungs damals aber auch schon sowas von gut im Griff! Rückblickend bestätigt das meine Ansicht, dass in Wahrheit ja die Frauen das stärkere Geschlecht sind.

Dann die fünf Prozent Scheinsiege: Hatte man es einmal geschafft, sich mit einer beeindruckenden jungen Dame zuerst in eine finstere Ecke und danach in das Wäldchen zu vertschüssen, in dem die Tanzschule lag, stellte sich diese fast immer als idiotische Nudel heraus, matschig in der Birne oder gnadenlos affektiert oder sonstwie einfach deppert. Kurz: echte Hauptgewinne waren selten wie Platin. Ich weiß nicht einmal, ob es überhaupt fünf Prozent der eroberbaren Anwesenden waren, mit denen man als zur Eroberung verdammter Pubertierender wirklich zufrieden sein konnte. Aber ich nehme einmal an, umgekehrt wird es nicht leichter gewesen sein, die Mädels hatten es mit den Jungs ähnlich schwer und wurden genauso oft enttäuscht. Wie im richtigen Erwachsenenleben halt auch.

Der Vollständigkeit halber muss ich jetzt noch folgende Information ergänzen – denn nicht, dass Sie sich beim Lesen ein paar Zeilen weiter oben gedacht haben: Na pfui, das ist jetzt aber deplatziert! Keine Angst, das hier ist ja kein Porno-Blog, also das Wäldchen rund um die Tanzschule Kummer am Grazer Hilmteich, in das wir uns immer verzogen: Es ging dort hauptsächlich ums Schmusen und ein bissl Rummachen halt, nie und bei keinem der Pärchen hinter den Bäumen und Büschen kam es zu ernsthaften Handlungen. Tanzschule eben – das, was heute die 13- oder 14Jährigen machen. Alles ganz harmlos, mehr oder weniger. Obwohl ich ehrlich gesagt gar nicht weiß, ob die 13- oder 14Jährigen heutzutage nicht schon viel mehr…

Egal, jedenfalls: Dancing Stars. Ich bin recht froh, dass meine stressige Tanzschulzeit längst vorüber und das soziale Interagieren heute zwar irgendwie auch nicht viel einfacher ist, sich aber auf einer zivilisierteren, erwachseneren Ebene abspielt. Außerdem wird ja irgendwann doch wieder eine Frau auftauchen, mit der ich auf ewig sozial interagieren möchte, so wie das damals bei Christiane war, und dann hat sich das eh erledigt mit dem Stress des freien Marktes und der schon wegen bloßer Beiläufgkeiten steigenden oder fallenden Kurse von Mann und Frau.

An all das muss ich in der Assoziationskette jeweils denken, wenn ich mir Dancing Stars im ORF ansehe. Und das war mir auf Dauer natürlich zu mühsam, wie Sie sich vermutlich vorstellen können. Also ließ ich´s irgendwann bleiben. Und ehrlich gesagt: Der Anblick dieser chirurgisch zum Gespenst modellierten Society-Charity-Lady beim dem, was sie für Tanzen hielt, hatte mir damals vor einigen Staffeln den Rest gegeben.

Seither lasse ich den TV-Konsum von Dancing Stars sein und bin froh, wenn sich Kolleginnen  aus der Kultur oder der Seitenblicke-Fraktion das antun müssen. Tschüss, Dancing Stars, ich gebe mir stattdessen lieber die coole Serie „The Mentalist“ auf einem anderen Sender, wo eine Nebendarstellerin den Namen der schönen Stadt Lissabon trägt.

Da habe ich viel bessere Assoziationen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s