Franziskus

Ausgesprochen blöd, wenn der neue Papst Mittwoch Abend gegen 20 Uhr bekanntgegeben wird, du bei einem Nachrichtenmagazin arbeitest, ziemlich exakt um diese Zeit Redaktionsschluss hast und außerdem gar nicht sicher sagen kannst, ob sich die Kardinäle vielleicht ja überhaupt zu einem ganz anderen Zeitpunkt auf einen neuen Chef einigen werden. Vorbereitung also quasi sinnlos.

Auf unserer Doppelseite, die das Politik-Ressort im FORMAT jeweils einläutet, hatten wir als Aufmacher eine Meldung über den durchgeknallten Ungarn Viktor Orbán geplant, wie er seine nationalistischen Umtriebe perfektioniert. Bild war gesucht, Seite gelayoutet, Text fertig geschrieben, alles erledigt also, Routine. Aber wir wussten eben, dass vielleicht am Abend der neue Papst auf der Welt ist und der Zeitpunkt der Bekanntgabe den Redaktionsschluss ziemlich anrempeln könnte, wenn es dumm hergeht.

Ich saß da, wartete und
sah mir im Livestream einen Rauchfang an, was eher nicht so unterhaltsam war. Die APA meldete gegen 18:20 Uhr verspätet schwarzen Rauch nach dem vierten Wahlgang. Ich dachte, dass es mit dem fünften dann wohl locker noch zwei Stunden dauern wird, also:

Redaktionsschluss verpasst, kein Papst im Blatt. Ungut, aber das ist dann eben so.

Ich rief eine Freundin an zwecks Sozialisierung der weiteren Abendgestaltung, wir verabredeten uns im Wein&Co auf der Mariahilfer Straße. Ich hatte den Mantel schon an, da war E. am Handy und sagte:

Das wird wohl nix, auf http://www.spiegel.de sehe ich weißen Rauch, du wirst arbeiten müssen.

Tatsächlich, und ab dann lief es ungefähr so ab: Ich checke schnell noch einmal die Gesprächspartner, die für diesen Fall auf Standby sind. Beim Durchrufen stellt sich heraus: Paul Zulehner hebt nicht mehr ab – weil er im ORF-Studio sitzt, wie ich Sekunden später feststelle. Hubert Fechtlbauer hebt ab, sagt aber, dass er nicht reden kann, weil er gleich im ORF-Studio sitzen wird und dann nicht mehr abhebt. Helmut Schüller hebt nicht ab und ich weiß nicht, warum. Eine vierte, weitgehend unbekannte Theologin: hebt auch nicht ab. Spüre leichtes Unbehagen, denn jetzt kann sich´s nur mehr um Minuten handeln, bis papa novus auf den Balkon tritt.

Dann dieser tausendjährige französische Kardinal, eine Art optische Reinkarnation unseres Groer, der ja seinerzeit die Austro-Kirche mit seinen unguten Neigungen ganz schön durcheinander gewirbelt hatte. Mein miserables Italienisch identifiziert aus dem Gestammel mühsam den Namen „Bergoglio“ und da reißt es mich gleich ganz ordentlich, weil zum dem leider gar nix vorbereitet ist, nicht einmal ein Lebenslauf.

Wir agieren wie folgt: Kollege A. rennt los und baut mit Layouter M. die Seite für mich um, Fotoredakteurin F. wirft sich vor die Agentur-Schirme und wartet auf die ersten Bilder des neuen Papstes am Balkon. So etwas dauert in der heutigen Zeit ja ungefähr 15 Sekunden und du kannst das, was am einen Ende der Welt gerade passiert ist, am anderen Ende als Foto abrufen, ausdrucken und so weiter. Ich suche hektisch nach einem Lebenslauf, rufe Helmut Schüller an und hoffe. Normalerweise hätte ich ja gebetet, dass er abhebt, aber als aus der Kirche Ausgetretener will man den fremden Herrgott mit sowas dann halt eher doch nicht belästigen.

Schüller hebt ab. Er ist zwar auch sehr überrascht vom Wahlergebnis, hat jedoch durchaus einige Antworten parat, die ganz interessant sind. Ich entscheide mich schwerpunktmäßig (viel Platz haben wir in dem kurzen Interview ja nicht) für den Aspekt „Opposition gegen das Opus Dei“. Weil ich hoffe, dass der in den Tageszeitungen bis zu unserem Erscheinen am Freitag vielleicht ein bissl untergeht. Hat eh halbwegs geklappt. Eine kleine Unschärfe mit dem Alter des Papstes ist in der Eile passiert – kommt vor, obwohl es natürlich nicht sollte.

Dann marschiert auch schon Chefred A. an und fordert den Text ein. Er ist halt immer ein bissl ungeduldig, obwohl ich finde, dass 30 Minuten vom Bekanntwerden des Namens bis zur Abgabe der fertigen Interview-Seite ans Korrektorat eh ganz gut sind – inklusive Recherche, Schreiben, Bildsuche, Layout und so weiter. Jedenfalls haben wir den Papst heute im Heft. Sie können das überprüfen, indem Sie sich ein FORMAT kaufen.

Ich ging danach übrigens halbwegs beruhigt ins nahegelegene „Barfly“, ein Entspannungsbier einpfeiffen. Und dann ins Bett. Ich träumte von vielen kleinen Teufelchen, die den behängten, beringten und geschmückten Kirchenfürsten böse Streiche spielten, was mich freute, weil ich es in dieser Sache eher mit dem Altrocker Billy Joel halte, welcher sang, als ich noch jung war:

I´d rather laugh with the sinners than cry with the saints.

Es halt ganz einfach wirklich so, dass der Teufel viel spaßiger ist als selbst der modernste, kühlste und offenste Papst.

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