Nina und Pauline

Es hat schon seine Gründe, warum ich Graz nie ganz links liegen lassen kann, diese provinzielle Stadt der Möchtegerns, für die der Tellerrand in den allermeisten Fällen ein Hochgebirge darstellt. Einer davon ist dieses kleine südländische Element, welches mit allem hier vorsichtig verwoben ist, kaum zu sehen in der Regel, aber doch vorhanden.

Ein in homöopathischen Dosen aus den Ritzen des Stadtgefüges brechendes Momentum der Lässigkeit. Menschliches, das die rückständigen Provinzspießer in der städtischen Administration bei der Rodung von allem, was ihrer Norm widerspricht, geflissentlich übersehen, Gott sei Dank.

Da sind zum Beispiel die Innenhöfe im Bezirk Geidorf, wo ich wohne.

Der Bürgermeister, meiner persönlichen Einschätzung nach wirklich einer von der ganz dunklen Seite der Macht, hat sie noch nicht zubauen lassen wie so viele andere idyllische Platzerl. In Wien gibt es diese Flächen hinter den Innenfronten der Häuser eines Straßengevierts ja auch, nur wurden sie dort mit weiteren Häusern aufgefüllt und sind jetzt städtischer Beton. Wohnungsnot oder so, womöglich auch einfach Ignoranz, ich will das gar nicht weiter beurteilen. In Geidorf jedenfalls hat man die meisten dieser Miniatur-Parks belassen. Balkons an den Hofseiten schmücken praktisch alle Wohnungen der darum liegenden Gründerzeithäuser – und da sitzt du dann draußen, fast so, als würdest am Land logieren und auf Wiesen oder in Wälder schauen.

Natürlich sind
die meisten dieser manchmal tausende Quadratmeter großen Grünflächen durch Zäune oder gar Mauern in ihren jeweiligen Häusern zugeordnete Zonen geteilt, deren Grenzen allenfalls Katzen überwinden können. Aber immerhin, es gibt sie, diese privaten Kleinparks. Und in sowie über ihnen entwickelt sich dann in der rückständigen Provinzstadt glatt ein kleiner Mikrokosmos lockeren menschlichen Lebens.

Nina und Pauline zum Beispiel. Sie wohnen in meinem Innenhofgeviert schräg gegenüber, haben heute Geburtstag und machen ein Fest. Im Garten unten. Da können wir rundum Wohnenden zumindest akustisch daran teilhaben, was super ist. In Wien hast du bei so einer Aktion gleich einmal wegen Lärmbelästigung oder Schlimmerem die Polizei am Hals.

In Graz hoffen Nina und Pauline allerdings auf breites Verständnis. Sie haben an den Türen aller Häuser rundum einen netten Brief angebracht, der um Verständnis wirbt. Ich mag so etwas ja sehr, weil das offen ist und menschlich und vernünftig und südländisch und insgesamt lässig.

Und ich freue mich schon auf die abendliche Musikberieselung. Ein paar Gitarrenklänge höre ich ja, während ich das hier am Balkon sitzend schreibe, bereits herüber. Die zärtlich in das Schreiben eingestreuten Grammatik- und Rechtschreibfehler, auf die ich im Normalfall allergisch reagieren würde, verzeihe ich den beiden gern. Ein wenig fürchte ich jedoch, dass es auch in Graz kleinbürgerliche Spaßbremsen geben könnte, denen die Geräusche anderer Menschen mehr auf die Nerven gehen als Straßenlärm, und die dann beim Holen der hohlen Polizei nicht zimperlich sind.

Selbst in dem sehr nachbarschaftlich-freundschaftlich organisierten Haus, in dem ich wohne, lebt seit einem Jahr im Tiefparterre eine ausgesprochen deutsche Deutsche, die sich bereits beim Einziehen über alles Mögliche beschwerte und Streit mit jedem begann, der in Sichtweite kam. Auch mit dem Grüßen tut sie sich folgerichtig ein bissl schwer. Ich glaube, sie lebt in einer Welt voller vermuteter Feinde – und da musst du halt präventiv schießen, bevor einer keck das Wort an dich richten könnte, womöglich gar noch ein freundliches, Gott bewahre. Ich habe Angst, die könnte ein heißer Kandidat für einen Notruf an die Ordnungshüter sein, heute Abend.

Aber wir wollen niemandem was unterstellen, positiv denken und nicht gleich schwarz sehen. Also hey, Nina und Pauline: Obwohl ich euch nicht kenne, wünsche ich euch ein super Fest, lasst´s es nur gscheit krachen, ich bitte um voll laute Musik und ordentlich Fröhlichkeit, nach Möglichkeit über 22 Uhr hinaus.

Alles Gute zum Geburtstag, Mädls von schräg gegenüber!

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