Meine Stimme

In den ersten zehn Minuten der ersten Vorlesung des ersten Semesters meines Publizistikstudiums bekam ich im Herbst 1985 das Thema „Macht der Medien“ um die Ohren geschlagen. In den zweiten zehn Minuten den Grundsatz, dass man als Journalist nur beobachten und beschreiben darf, aber keinesfalls Meinung äußern. Seit ich hauptberuflich über Politik schreibe, erinnere ich mich oft daran zurück. Weil ich ganz schön oft das Gefühl habe, als Journalist zwar irgendwie mitmischen zu können, aber trotzdem ohnmächtig zu sein.

Schließlich ist da die Sache mit der Äquidistanz, die es bei einer halbwegs einwandfreien, professionellen Berufsauffassung untersagt, Stellung zu beziehen. Dem kann man als Redakteur nur im Kommentar halbwegs ausweichen, aber auch da hat man sich zweifach, dreifach oder besser noch vierfach zu überlegen, wie man was schreibt.

Ich schlage hier im Blog neutralitätsmäßig eh ab und zu ganz schön über die Stränge, muss ich zugeben. Zum Beispiel ist
dieser Blogpost schon nicht mehr ganz einwandfrei, also seien Sie bitte gewarnt und lassen Sie mir dieses Stellungnehmen ausnahmsweise durchgehen. In Geschichten zum Beispiel im FORMAT geht das natürlich gar nicht, strengste Neutralität ist da gefragt und ich halte mich daran.

Aber ich schweife schon wieder einmal ab, denn was ich eigentlich sagen wollte: Die Macht der Medien wird überschätzt. Und je indiskutabler politische Parteien agieren, desto stärker erodiert sie. Weil die kontrollierende Instanz „unabhängige Medien“ in ihrer Lautstärke automatisch ausdünnt, je mehr Unglaubliches passiert. Journalisten haben mittlerweile, von versprengten Einzelnen abgesehen, viel weniger Macht, als landläufig angenommen wird.

Heute Vormittag jedoch, da war sogar ich einmal richtig mächtig und einflussreich.

Ich konnte nämlich Stellung beziehen, berufliche Äquidistanz hin oder her. (Hier darüber zu schreiben ist allerdings schon wieder ein bissl problematisch, aber ich will halt einfach mal schlampig sein und etwas Unsauberes tun.)

Und das ging so:

Ich transportierte meinen Kadaver zum Service-Center des Grazer Magistrats, legte meinen Reisepass vor und unterschrieb das Demokratie-Volksbegehren.

Weil sich das nämlich so gehört, wenn man ein interessierter und engagierter Staatsbürger ist, dem das Gemeinwohl am Herzen liegt. Jeder einzelne Punkt der Forderungen der Volksbegehren-Betreiber von MeinOE ist ziemlich so formuliert, wie ich es auch getan hättet. Ich hatte in jüngster Zeit bei Recherchen mit den Herren Voggenhuber und Radlegger zu tun, beide Proponenten des Volksbgehrens. Und würde sagen: Ich nehme denen ihr ehrliches Engagement, die Besorgnis um den Zustand der Demokratie in Österreich, durchaus ab. Und nehme es als gutes Zeichen in der allgemeinen Bedrängnis, dass es doch Menschen gibt, die sich diesen Aufwand antun, die persönliche Belastung, und die sogar ihre Reputation aufs Spiel setzen.

Weil ich durch sie – wie alle anderen frustrierten Staatsbürger vermutlich auch – eine Stimme bekomme. Die gerade jemand wie ich beruflich in dieser Form eh nicht erheben darf.

Ich hoffe, viele gehen hin, tun es mir gleich und unterschreiben. Weil wir es in Österreich leider so weit gebracht haben, dass diese Art des Bürgerprotests einfach notwendig geworden ist.

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