Agnetha

Auf dem Cover sehe ich dieses Gesicht und später im Heft dann noch einmal, das ich kenne oder auch nicht.

Diese Frau aus der Vergangenheit mit Falten um die Augen, die neu sind, mir unbekannt. Ich habe eine jugendlichere Erinnerung im Kopf. Das vorsichtige Lächeln hingegen war auch früher schon da, aus dem man nicht ableiten kann, wie es ihr gerade geht, ob sie tatsächlich fröhlich ist oder es nur vorgibt. Und sowieso sind die blonden Schwedenhaare völlig unverändert geblieben durch die Jahrzehnte.

Wer so alt ist wie ich oder ein bißchen jünger oder auch ein bißchen älter, für den ist dieses Gesicht Alltag, vertrauter Begeliter aus längst vergangenen Zeiten. Agnetha Fältskog ein Name, mit dem der Nachwuchs von heute zwar nichts anfangen kann – aber wer vor drei, vier Jahrzehnten jung war, kennt ihn. Früher war die blonde Schwedin nämlich berühmt auf der ganzen Welt. Sie ist das erste oder letzte A der Popgruppe Abba, war damals fester Bestandteil aller Illustrierten, TV-Shows und überhaupt jener Medien, die über Reiche, Schöne und Singende schrieben.

Auch ich habe damals den skandinavischen Kitsch-Pop zwischenzeitlich immer wieder mal rauf und runter gehört. Selbst heute noch kann ich keinen der Songtitel von damals lesen, ohne dass mich dann sofort
ein passender Ohrwurm durch den Rest des Tages quält. Ich habe zu „Mamma Mia“ arglos gepfiffen, zu „Fernando“ des Sommers verträumt und nicht immer allein in den Sternenhimmel geblickt, unter den schrecklichen Lichterkugeln der späten 70er-Jahre-Discos zu „Dancing Queen“ mich in peinlichen Bewegungen verrenkt, zu „Chiquitita“ auf der Tanzfläche sozial interagiert. Was man halt so gemacht hat als nicht ganz geschmackssicherer Jugendlicher, damals, dem die Beatles schon ein wenig zu vergangen waren und der Rock der Stones für Permanentberieselungen zu wild. Was man eben hörte, wenn man sich kurzzeitig einmal in seichte Gewässer flüchten wollte und Billy Joel dafür zu angesagt war. In Tanzschuldiscos war die tändelnde Trällerei von ABBA sowieso Teil des Standardrepertoires an Übungsabenden.

Jetzt singt Agnetha wieder, lese ich in der „Zeit“, nach langer Pause kommt ein neues Solo-Album auf den Markt – und sogar das intellektuelle Wochenblatt fühlt sich aus diesem Anlass in seinem Magazin zu einem gut geschriebenen und ausbalancierten, zart-bitteren Porträt der blonden Schwedin inspiriert, die damals ein Sexsymbol war und sich inzwischen in ihren 60ern befindet. Ich musste beim Lesen heute Vormittag, schon ein wenig ältlich beim Frühstück am Balkon sitzend, an meine Jugend denken. An die Abba-Songs, von denen ich mit ein wenig Nachdenken immer noch einzelne Textpassagen aus meinem Kleinhirn schälen kann.

Ich weiß nicht mehr, ob das damals eine gute Zeit war oder eine schlechte. Wie auch immer, diese paar Jahre zwischen 15 und 20 haben das Fundament dafür gelegt, wie ich heute lebe. Während der ersten von ihnen waren Abba, war die blonde Agnetha, zeitweise mit dabei. Später dann nicht mehr, mit dem Erwachsenwerden wuchs auch mein Geschmack, Gott sei Dank.

Ich habe soeben nachgesehen und sogar noch zwei LPs von damals in einer Kiste gefunden: „Voulez-vous“, aus heutiger Sicht das schmissgste aller Abba-Alben – und „The Visitors“, das beste.

Sichtlich zerkratzt alle beide. Überprüfen kann ich den Klang nicht, weil ich schon längst keinen Plattenspieler mehr besitze. Die moderne Zeit halt. Die Rolle von Abba haben heute Acts wie Katie Perry übernommen, im neuen Jahrtausend trällern sie ihre Liedchen noch belangloser und nichtssagender immer anspruchsloser werdenden jungen Konsumenten entgegen, als Abba das vor 30, 40 Jahren taten. Ich werde mir das neue und vermutlich letzte Album von Agnetha, das laut der Zeit schlicht und einfach nur „A“ heißt, vermutlich runterladen.

Schon aus Gründen der Nostalgie, denn so wie die blonde Schweden bin auch ich inzwischen schon ganz schön: alt.

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