Beim Zahnarzt

Vor gut 25 Jahren ging ich in Wien zum Zahnarzt, Feunde hatten mir den Mann im 4. Bezirk empfohlen. Ich habe keine Ahnung, ob es diese Praxis auch heute noch gibt, ihr Inhaber jedenfalls war in vielerlei Hinsicht ziemlich hinüber.

Die Wurzelbehandlung entpuppte sich als einigermaßen schmerzhaft, weil dem Herrn Doktor die richtige Dosierung des Narkotikums kein großes Anliegen war und der Umgang mit der Nadel nicht sonderlich geläufig. Ich saß weit nach hinten gebeugt im Behandlungsstuhl, starrte verkniffen in das grelle Licht des Scheinwerfers, fürchtete das Schlimmste und ignorierte das Surren des Bohrers nach Kräften. Der Kerl fuhrwerkte, dass es kein Spaß war, die Schmerzen blitzten mir durch Mund und Hirn. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, mir war ein wenig mulmig.

Na, sind die Helden heute müde?, fragte der Doktor.

Und weil ich keine Antwort gab, gleich noch einmal:

Hmmm, sind die Helden heute wohl müde?

Natürlich hatte ich keinen Tau, was er wollte. Weil die Assistentin auf meiner Brust kniete und mir den Mund mit irgendeinem dentalen Monstergerät auseinander spannte und ich dazu haufenweise Wattebäusche im Mund verteilt hatte, konnte ich aber sowieso nicht antworten. Das alarmierte die Helferin.

Herr Puchleitner, sagte sie freundlich, jedoch mit jenem mahnenden Unterton, der klar machte: Sie erwartete sich von mir ein wenig mehr Anstrengung und Mitarbeit. Herr Puchleiter, sagte sie also, und dabei
dehnte sie die Worte zu einer langatmigen Langsamkeit, als hätte sie einen Debilen vor sich, d-e-r-H-e-r-r-D-o-k-t-o-r-w-i-l-l-w-i-s-s-e-n-o-b-d-i-e-H-e-l-d-e-n-h-e-u-t-e-m-ü-d-e-s-i-n-d!

Das reichte. Ich fand, diesen beiden offensichtlichen Komikern musste vermittelt werden, dass sie ja nicht ganz dicht waren. Ich pfiff auf Bohrer und Watte im Mund, schob die Zahnarzthelferin mit einem energischen Stoß von mir herunter und nahm mir eigenhändig das ganze metallene Zeugs aus dem Mund. Der Arzt zuckte zurück und erstarrte, die Helferin riss die Augen auf.

Ich habe Zahnschmerzen, sagte ich zur Assistentin, aber meine Ohren funktionieren einwandfrei. Ich habe den Herrn Doktor sehr gut verstanden. Aber ehrlich, ich habe keine Ahnung, was er mit dieser seltsamen Frage meint. Und bitte reden Sie mit mir nicht wie mit einem Kleinkind.

Die Helferin war sprachlos, der Doktor schluckte.

Also tut es Ihnen nicht weh?, fragte er. Erst da begriff ich, was er überhaupt gemeint hatte. Helden. Tapfer. Müde Helden. Kein heldenhaftes Erdulden von Schmerzen. Können Sie folgen?

Natürlich tut es mir weh, sagte ich, und wenn Sie es weniger schmerzhaft erledigen könnten, wäre ich froh, danke. Aber glauben Sie mir, die Helden sind nicht müde und schon die ganze Zeit voll bei der Sache, fügte ich an, nur verlangt die Art, wie Sie ihren Job erledigen, ihnen wirklich das Letzte ab.

Das verstand er, verstimmt war er trotzdem. Pikiert versahen er und die Helferin ihren weiteren Job an mir, wortlos. Es war kein Vergnügen, glauben sie mir das.

Fertig, sagte der Arzt schließlich und seine Assistentin rollte von mir ab: Spülen, eine Zeit lang nichts essen, bald geht´s wieder, Kontrolle ist nicht notwendig.

Dass er mich nicht wiedersehen wollte, schien klar – und ich kann nur sagen, dass das völlig in meinem Sinn war. Dafür war er sich dann nicht zu blöd, mich vor der Ausgangstür noch einmal abzufangen:

Sie haben ganz schön harte Zähne, druckste er herum und gab mir zu verstehen, dass angesichts des außertourlichen Kraftaufwandes beim Bohren seiner Meinung nach 200 Schilling zusätzliches Honorar angebracht wären, selbstverständlich bar aufs Handerl, wie man auch damals schon so schön sagte.

Dieser Kerl war wirklich eine indiskutable Katatstrophe von Zahnarzt.

Aber ich war damals jung, traute mich noch nicht so viel und hatte außerdem eine nervenzerfetzende Stunde voller Schmerzen hinter mir, wollte einfach raus aus dieser Folterkammer, kurz: Ziemlich perplex gab ich ihm das Geld. Passierte mir das heute, hätte ich ihn zuerst ausgelacht und ihn dann beim zuständigen Finanzamt angezeigt, dort sind schwarzarbeitende Zahnärzte ein willkommenes Fressen.

Heute fand ich heraus: Der Mann hat damals außerdem unglaublich geschlampt.

Mein jetziger Zahnarzt in Graz, ein freundlicher, kompetenter und korrekter Mann, zeigte mir auf einem Röntgenbild jenen damals behandelten Zahn und die Wurzelspitze, die im Kanal verblieben war, weil der Idiotendoktor aus Wien einfach zu schludrig vorgegangen ist. Ich brauche jetzt eine Krone, aber davor ist eine operative Korrektur der Wurzelbehandlung von damals per Mikroskop notwendig. Schlanke 523 Euro kostet die Behebung des Fehlers.

Detail am Rande: Selbstverständlich übernimmt das die Sozialversicherung der Gewerblichen Wirtschaft: nicht. Man ist dort einfach zu sehr damit ausgelastet, mir Monat für Monat als Beiträge zumindest 25 Prozent meiner Honorareinnahmen abzuknöpfen und öffentlich abzustreiten, dass man alles in allem eine ziemlich inferiore Organisation ist.

Denken Sie darüber nach, liebe Textblog-Leser, wer dort das Sagen hat und wie Sie sich bei der nächsten Wirtschaftskammer-Wahl gegen die Abzocke wehren können. Und suchen Sie sich ihren Zahnarzt sehr sorgfältig aus.

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