Der Regierende Bürgermeister

Kommen Sie raus auf den Balkon, sagt Klaus Wowereit zu mir, dort können wir uns unsere U-Bahn-Baustelle von oben ansehen.

Draußen stehen wir dann und starren auf das gigantische, vermatschte und verschlammte Rattern und Dröhnen und Kreischen und Bohren. Wowereit erzählt vom riesigen „Maulwurf“, der in 20 Meter Tiefe unsichtbar für die Menschen heroben den Tunnel für den Lückenschluss der U5 vom Alexanderplatz zum Brandenburger Tor bohrt.

Plötzlich grinst der Regierende Bürgermeister der Stadt Berlin und fängt an zu winken. Denn unten haben die Menschen den Chef ihrer Stadt am Balkon seines Büros erkannt, sofort bildet sich eine Traube aus Touristen und Bürgern, die Wowereit zuwinken.

Das mag der Mann, denn genau so etwas kann er gut – mit Menschen kommunizieren.

Wowereit ist ein Bauchpolitiker. Und selbstverständlich Profi. Deswegen entlockst du ihm im persönlichen Gespräch zu Sachthemen auch keine einzige Entgleisung – routiniert spult er seine Politiker-Sätze ab, streut in Kenntnis der journalistischen Bedürfnisse gekonnt ein paar Sager ein, lehnt sich aber nur ja nicht aus dem Fenster. Professionelles Minenspiel, korrekte Gestik, nichts Emotionales, das Kleine und Große Einmaleins des Umgangs mit Medien eben, die an Böses rühren könnten, wenn man
nicht aufpasst. Marke gelassener Stadtchef, der mit den vielen und heftigen Problemen Berlins selbstverständlich gut zu Rande kommt.

Doch immer dann, wenn das Gespräch ins Zwischenmenschliche kippt, muss wohl in Wowereit irgend etwas erwachen. Es muss ein Instinkt sein, der dann aktiviert wird, der dem Gehirn signalisiert, jetzt kannst du zeigen, was du drauf hast, jetzt darfst du du sein. Der Regierende Bürgermeister der Stadt Berlin packt dann sein allergrößtes Talent aus: auf Menschen zugehen, ihnen das Gefühl geben, dass sie ernst genommen werden. Dass sie keine Teile der Masse sind, sondern hervorstechende Einzelne.

Gegenüber Journalisten und Wählern hat er das besonders gut drauf. Aus diesem Material sind Staatsmänner gemacht, die plumpen Populismus nicht nötig haben. Ein Holzhammer wie die dumbe Volksbefragung seines Wiener Kollegen Michael Häupl würde Wowereit nie einfallen. So etwas braucht er nicht. Was Häupl an Bauch hat, hat Wowereit an Instinkt. Außerdem nimmt er in bester Tradition sozialdemokratischer Berliner Bürgermeister wie Willy Brandt das Wesen der Demokratie wohl einfach zu ernst. Häupl würde ich das ja eher nicht unterstellen.

Jedenfalls: Lässt du als Interviewer für einige Sätze die Sachthemen beiseite und sprichst über normale Dinge mit Wowereit, hast du den Eindruck: jetzt aber!

Da diffundiert die trockene, wohl für das Abrufen im Schlaf antrainierte Ratio dann in der Sekunde in eben diesen Instinkt für das Gegenüber, wie er jede gute Führungspersönlichkeit auszeichnet. Dann wechselt die tendenziell gelangweilte Routine im Minenspiel zum verschmitzten Lächeln, wird der Standardpolitiker zum Kommunikationstalent. Und da stehst du als Interviewer dann eben schon mal mit dem Regierenden Bürgermeister auf dessen Bürobalkon, winkst Bürgern einer fremden Stadt zu, hältst dich für angekommen und schaust vielleicht nicht mehr ganz so genau auf die Probleme und des Stadtchefs Antworten darauf.

Eine Sache noch: „Regierender Bürgermeister“.

Zur Vorbereitung des Interviews gab es eine Woche zuvor ein Telefonat mit dem Pressesprecher des Berliner Rathauses, ein höchst freundlicher, korrekter sowie ziemlich deutscher Deutscher. Das ist völlig okay so, ich mag professionelle Pressesprecher, weil ich es in Österreich öfter als mir lieb ist mit welchen zu tun habe, die im Zweitberuf Komiker oder etwas Ähnliches sein müssen. Wir diskutierten einige der Bereiche, zu denen ich Herrn Wowereit befragen wollte.

Ich stelle mir vor, mit dem Herrn Oberbürgermeister folgende Themen zu…., begann ich respektvoll.

Nee nee, so geht das gar nicht, unterbrach mich Herr Meng: Sagen Sie bloß nicht Oberbürgermeister, damit geben Sie sich als einer zu erkennen, der aus der schlimmsten Provinz kommt. Korrekt ist: „Regierender Bürgermeister“.

Ein Faux-pas gleich zu Beginn. Ich schluckte. Das kannst du jetzt nur durch ein lässiges Scherzerl wieder retten, dachte ich mir. Am besten eines, wie es den Deutschen für gewöhnlich gefällt – eines, das uns kleine Nachbarn lieb, aber harmlos aussehen lässt. Also antwortete ich:

Na, das passt doch, ich komme ja schließlich aus Österreich.

Er lachte: nicht. Auweh, schon wieder daneben gehaut. Also Flucht nach vorne als letzte Möglichkeit.

Wissen Sie, fuhr ich daher unbeirrt fort, ich möchte mit dem regierenden Bürgermeister gerne eine Art „Tour de force“ machen und alle möglichen Themen ansprechen.

Natürlich meinte ich „Tour d´horizon“.

Aber wie ich in diesem Blog an anderer Stelle schon einmal ausführte, bin ich eben doch nur ein Möchtegern-Kosmopolit und in Sachen Fremdsprachen nicht einmal halbgebildet, keinesfalls jedenfalls sattelfest.

Doch ich wurde nicht neuerlich unterbrochen. Entweder hatte der Mann den lapsus capitalus, wie es wir Westentaschen-Weltgewandte aus der Provinz gerne auf lateinisch formulieren, nicht durchschaut. Und sich gedacht: Ah, zwar ein lieber Österreicher, aber schau schau, er kann Französisch und ist auch belesen, das könnte ja doch noch was werden. Oder aber, er hatte sehr wohl begriffen – und erkannt, dass das mit mir nichts Ernsthaftes mehr werden würde, er also fortan bloß noch höflich das Gespräch abzuwickeln hätte. Der österreichische Hinterwäldler würde seinem Chef ohnehin nie und nimmer ernsthaft gefährlich werden können, in Sachen böse Fragen.

Wie auch immer, ich möchte betonen: Es war ausgesprochen angenehm, aus den Tiefen der heimischen Innenpolitik einmal einen Ausflug in die richtige Welt zu machen, in der ernsthafte Menschen – Politiker ebenso wie deren Berater – korrekt, professionell und zielorientiert agieren. Und in der das Wort „Herumlavieren“ einfach nicht in jener Weise existiert, wie wir Österreicher das gewohnt sind.

Und Berlin ist als Stadt sowieso ein ganz großes Kleinod. Vielleicht sauge ich mir dazu ja in den nächsten Tagen noch einen eigenen Blogpost aus den Fingern. Schaunmaamal. Oder besser: Sehnmermal.

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