Ist doch der Gipfel!

Tarnen und Täuschen ist angesagt.

Ich bin eher kein sozialromantischer Revoluzzer – obwohl, ehrlich gesagt: Inzwischen geht mir dieses Krisendings und wie die Mächtigen damit umgehen schon so gegen den Strich, dass mir Aufständische aller Art bereits ziemlich sympathisch sind. So schlecht sind Occupy, Blockupy, Anonymous und so weiter für die gesamtgesellschaftliche Hygiene nicht.

In der Türkei halte ich auf jeden Fall zu den Demonstranten und nicht zu den Wasserwerfern. Fast bin ich schon überzeugt: Mit diesem Land sollte die EU keine Vorgespräche zu Beitrittsverhandlungen mehr führen. Wer weiß, auf welche Ideen EU-Gremien noch kommen, wenn dort einmal die türkischen Regierungsbrutalos drin sitzen, die mit Demokratie eher nicht soviel anfangen können.

Aber es geht ja ums Tarnen und Täuschen, also lassen Sie mich folgende Geschichte erzählen: In der Nähe des nordirischen Städtchens Enniskillen treffen sich Montag und Dienstag die Außenminister und Regierungschefs der G8-Staaten zu ihrem jährlichen Gipfel. Auf einer Insel im naturgeschützten Lough Erne. In einem vor fünf Jahren neu hingeklotzten
Luxushotel mit Golfplatz, finanziert wohl auch von jenen Banken, deren Pleiten zumindest einen der beiden irischen Staaten fast in den Abgrund gerissen hätten.

Ich war dort schon. Kurz vor der Eröffnung ließ man mich damals mit ein paar deutschen Kollegen die gerade fertig gewordenen Fairways bespielen und im noblen Hotel wohnen. Wir saßen beim Abendessen, als draußen eine Kolonne Tankwägen vorfuhr. Schläuche wurden ausgerollt – und plötzlich spritzten Arbeiter grüne Lebensmittelfarbe in unglaublichen Mengen auf die Fairways. Das Gras sei nicht so schön grün angewachsen, wie man sich das erhofft hatte, gab der Besitzer der Anlage kleinlaut zu, ein nordirischer Baulöwe. Daher die Farbe, man möge verstehen, immerhin Eröffnung in zwei Wochen und so weiter…

Tarnen und Täuschen halt.

Das passt jedenfalls, denn Sie werden das jetzt nicht glauben: Um den Staatschefs dieser Tage den Anblick der Krise zu ersparen, welche das kleine Enniskillen ziemlich hart getroffen hat, klebte man dort die Schaufenster von Geschäften und Cafés tatsächlich mit Fotoplakaten zu, auf denen einkaufende und an Kaffeehaustischen sitzende Menschen abgebildet sind. Damit die großen Staatenlenker beim schnellen Vorüberfahren nicht sehen, dass die Läden in Wahrheit leer, verwaist und aufgegeben sind. Darf das wahr sein? Es darf. Tarnen und Täuschen.

Ich habe damals am Ufer des schönen Lough Erne übrigens Fliegenfischen gelernt. Hab sogar noch ein Foto vom Coach, einem kauzigen Iren, wie er zur Demonstration gerade die Angel auswirft. Super Sache, und wissen Sie was? Fliegenfischen und Golf, das ist nicht weit voneinander entfernt. Es geht um dieselbe Art von Rhythmus, um denselben runden Schwung, ohne den nichts geht.

Ich habe übrigens nichts gefangen, denn Dilettanten wie uns ließ der Lehrer im Laufe des Zweistundenkurses nur am Trockenen üben. Er hatte wohl Angst um seine Fische im See. Wobei ich mir ohnehin nicht sicher bin, ob der nicht längst industriell leergefischt ist und man nicht jetzt bloß für den Gipfel ein paar Plastikkarpfen und -hechte ins Wasser warf.

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