Ich hab´s noch voll drauf

Ich erwache mit einem Kratzen im Hals, das nicht von dieser Welt ist.

Gott sei Dank ist heute niemand hier, zu dem ich Guten Morgen sagen müsste, denn meine Stimme: eine Krenreibe. Die Nase tropft und ist verstopft, und verpfropft ist meine Kehle von der unglaublichsten Dynamithusterei, die man sich vorstellen kann. So müssen sich Kettenraucher fühlen, deren Lunge ein schwarzes Loch ist. Jedoch ist meine von zartester Morgenröte getönt, ich habe ein reines Gewissen und rauche nicht mehr als einen Genusszigarillo alle zwei, drei Wochen.

Ich bin bloß erkältet.

Das ist insofern bemerkenswert, weil es nicht leicht ist, sich bei 35 Grad Außentemperatur und null Luftzug zu verkühlen. Aber ich kann das. Dabei verzichtete ich gestern bei der Autofahrt von Wien nach Graz extra auf die ganz coole Stufe der Klimaanlage, in der Grazer Wohnung habe ich so etwas ohnehin nicht. Dafür altmodische Rollläden, die sich herunter- und dann in einem Holzrahmen ausstellen lassen. Auf diese Weise kannst du dir die Wohnung zu einem halbwegs luftigen und kühlen, jedenfalls beschatteten Sommer-Zuhause herrichten, als läge es in Rom, Lissabon oder Palermo.

Gemeinsam mit dem Drehventilator auf voller Stufe ergibt das
erträgliche Abende auch mitten in der Stadt und mitten in der Hitzewelle. Da durchzuckt es mich jetzt: der Drehventilator. Luftzug!

Jessas, bin ich wirklich schon so alt? Dass dieses rachitische Lüftlein aus einem Ventilator mich erkältet wie einen Opa? Erinnere mich an Augustnächte damals im Appartement eines Freundes in der New Yorker 56th Street, in dem ich mich stundenlang direkt von einer US-Windmaschine anstürmen ließ – und die entfachen einen Orkan, sage ich Ihnen, amerikanische Gigantomanie halt – was jedoch ganz genau gar keine gesundheitlichen Folgen hatte.

Als ob es dieses Beweises nun also noch bedurft hätte: Ich werde alt.

Die Indizien sind seit geraumer Zeit vorhanden. Schon als ich 2010 anfing, an der Donauuni meinen Hochschulabschluss nachzuholen, hätte ich es wissen müssen. In unserem Studentengrüppchen war ich bei den Ältesten. Am ersten Tag stellten wir uns gegenseitig vor, neben mir saß eine Grazerin, Zufall. Wir verstanden uns gut, Studenten desselben Zuhauses unter sich. Mich riss es richtig, als ich merkte: Sie ist gleich alt wie – meine Tochter. Dabei hatte ich das Gefühl, zwischen meinen alten Studentenzeiten der 1980er-Jahre und der Gegenwart des Jahres 2010 hätte sich nichts geändert. Dass das nicht so ist, merkte ich dann im zweiten oder dritten Semester, als die Kommilitonin einen Computer, ein iPad und zwei Handies parallel bediente, während sie der Vorlesung folgte, gescheite Fragen stellte und einige Aufgaben aus ihrem Job abwickelte. Ich bin für gewöhnlich ausgelastet, wenn ich einen Text ins MacBook tippe und das Handy läutet. Läuft daneben ein weiteres Kommunikationstool, stresst mich das schon irgendwie.

Alt halt.

Die Studienkollegin mit ihrem beeindruckenden Multitasking hat im Übrigen dann auch im Eilzugstempo eine Blitzkarriere hingelegt und kommt gerade in eine journalistische Funktion, in der ich nie mehr ankern werde. Obwohl sie noch Lichtjahre vom 30er entfernt ist. Conrgats von dieser Stelle aus, übrigens!

Ich jedenfalls kann trotz mittlerweile vorhandener Kurzsichtigkeit unbebrillt den 50er am Horizont erkennen. Wahnsinn, bin ich alt. Vor lauter Frust würde ich ja glatt impulsiv mit der Faust auf den Couchtisch schlagen. Nur – wenn ich mich zu schnell bewege, sticht´s mich im Kreuz, also lasse ich das lieber. Auch, seit ich mir jüngst beim Schließen meines Wohnzimmerfensters den Oberarm verstauchte.

Anderes Indiz: Vorgestern war ich unterwegs, zwei Flaschen Wein und ein wenig alkoholische Begleitmusik sind zu zweit in einer lauen Sommernacht schnell konsumiert. Ich fiel um halb zwei in der Früh wie ein besoffener Stein ins Bett. Am nächsten Nachmittag, so lange dauert die Regeneration inzwischen, sah ich am Computer: Meine Abendbegleitung hatte danach von zuhause aus ganz offensichtlich noch gearbeitet. Um vier Uhr morgens verschickte sie noch eMails, entnahm ich Outlook. Ja, ich werde alt.

Aber hey, wissen Sie was? Das ist eh wurscht. Denn im Kopf schaut alles sowieso wieder ganz anders aus.

Mein Radiosender ist neben Ö1 hauptsächlich das kühle FM4, wie es auch die jungen Leute konsumieren. Bei fast jeder Studentendemo würde ich am liebsten in vorderster Reihe mittanzen – wenn die mich nicht auslachen würden. Ansichtsmäßig bin ich jedenfalls ziemlich oft ziemlich voll dabei.

Ich twittere, ich facebooke, also socialnetworke ich. Selbstverständlich skype ich, verfüge über Playlists, konsumiere Musik über YouTube. Ganz wie die Jungen.

Fast halt. Weil meine Musikfiles kaufe ich oldiemäßig über iTunes, statt sie zu klauen. Und ein bissl Sorgen in Sachen Jungendlichkeit macht mir auch, dass mir die großstädtische kurze-Schlapphosen-Badeschlapfen-Ruderleiberl-Sommerbekleidung der studentischen Jungs von heute nicht so taugt. Wohingegen ich die superknappen Studentinnen-Outfinds richtig gut finde, aber das ist vermutlich bereits wieder ein Indiz in Richtung Alter. Auch mit diesen großflächigen Sonnenbrillen-Monstern, die seit einigen Jahren hip sind, kann ich mich nicht so ganz anfreunden, ich bin da mehr der Ray-Ban-Wayfairer-Typ.

Wie gesagt: alt halt.

Aber trotzdem: Auch wenn mein Korpus inzwischen mit seinen 48 Jahren Leben in der Blutbahn schon ein wenig verkühlt daher kommt, bin ich – wie vermutlich alle baldigen Opas, die keine Spießer sind – überzeugt:

Ich hab´s eh noch voll drauf!

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