Alles Seltsame dieser Welt

Alles Seltsame dieser Welt scheine ich derzeit anzuziehen.

Zum Beispiel gab es – natürlich – in der Sache mit den eigenartigen Kindergarten-Eltern noch eine Fortsetzung. Rund zwei Wochen lang herrschte endlich Funkstille, die kommunikativ entfesselten, der Sprache Deutsch aber nicht so mächtigen Eltern ließen mich in Ruhe. Ich atmete auf. Doch dann ging es wieder los, völlig sinnentleerte Aussendungen trudelten neuerlich in meine Mailbox. Zwei oder drei Tage hielt ich durch, dann schmiss ich die Nerven weg und schlug im Telekom-Gesetz nach. Klare Sache: Mails dieser Art, die ich ja vermutlich nicht allein erhalte, stellen – verbotene – Werbemails dar. Und wenn sie noch dazu ohne opt-out-Möglichkeit verschickt werden, ist die Sache komplett illegal. Werden sie verschickt, nachdem der Adressat bereits mehrmals kundgetan hat, dass er sie nicht haben will: umso illegaler. Ich schrieb den Eltern also noch einmal zurück und drohte mit Anzeige bei der Telekom-Behörde, würden sie mich nicht in Ruhe lassen.

Jetzt wird wohl Schluss sein, dachte ich. Natürlich:
denkste.

Ich erhielt ein Mail mit einer kruden Eltern-Interpretation des §107 im Telekommunikatonsgesetz. Und die Chefredaktion erhielt ein Mail, indem sie mich als „unfähig“ outeten. Wäre sogar klagsfähig, das Ding, diesmal nach ABGB, §1330. Aber natürlich lasse ich das, wäre ja lächerlich. Vor allem, wo die Eltern damit ihr Pulver verschossen zu haben scheinen. Ein bissl Angst hat ihnen das Telekom-Gesetz wohl also doch gemacht, denn mittlerweile herrscht angenehme Ruhe in meiner Mailbox.

Aaaaaah. Aber warten wir einmal ab…

Und heute: Ich bleibe nach einem Termin noch bei einem Cappuccino im Kaffeehaus sitzen, stimme mich telefonisch mit dem Chefred wegen einer Geschichte ab, der Name Glawischnig fällt. Das kommt naturgemäß öfters vor, wenn du über Innenpolitik schreibst. Aber den Kerl am Nebentisch reißt´s gleich ordentlich.

Ich lege auf und er legt los: Glawischnig, sagt, er, wenn ich das schon höre, wissen Sie, dass die ganze Abtreibungsdiskussion seit Jahrzehnten verschaukelt wird? Wissen Sie, wie die Frauen sich fühlen? Können Sie gar nicht, Sie sind ja ein Mann, blafft der Mann mir in rüdem Ton zu.

Sie nicht auch?, frage ich verblüfft zurück.

Schon, sagt er, aber ich weiß das von Frauen. Führen Sie sich einmal vor Augen, wie…

Danke, unterbreche ich, ich will mit Ihnen keine Diskussion über die Abtreibung führen, im Übrigen bin ich dafür und finde die Regelung gut, die wir seit Kreisky in Österreich haben und aus jetzt.

Er reißt Mund und Augen auf, will was sagen.

Ende des Gesprächs, sage ich und reiße mir den zum vollen Großformat aufgeblätterten Kurier vors Gesicht.

Er gibt klein bei und dreht sich um. Über die Seitenkante mustere ich den Typ. Er sieht verdächtig nach diesen eigenartigen Menschen aus, bei denen ich damals als zwölfjähriger Bub einen Modellflugzeug-Bastelkurs besuchte, zu dem mich meine nichtswissenden Eltern geschickt hatten. Alle waren sie dort so seltsam still, verkniffen, die ganze Atmosphäre wirkte auf mich ein wenig verstohlen. Ich hörte bald wieder damit auf, dort hinzugehen. Später fiel es mir wie Schuppen vor den Augen: Das war eine gut getarnte Rekrutierungsorganisation, in der ahnungslose junge Menschen für das Opus Dei weichgeklopft wurden. Und dort sind ja bekanntlich die ganz Seltsamen zuhause, die dieser Welt in Gottes Namen nichts Gutes tun.

Jedenfalls, nach ein paar Minuten steht der Typ auf, kommt nochmals zu meinem Tisch, hebt belehrend eine Hand und stachelt mit dem Zeigefinger in der Luft herum. Noch einmal spricht er:

Das sage ich Ihnen, ich habe heute schon etwas geschafft, von dem einer wie Sie nur träumen kann!

Dann geht er ab und lässt einen wie mich ziemlich perplex zurück.

Kurios auch: Gestern Abend erzählte mir ein Unternehmer Spannendes, das ich so nicht wusste, Thema Sterben. 20 Bestattungen gibt es demnach durchschnittlich jeden Tag in Graz, die Hälfte davon von Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind. Da hält dann natürlich kein Pfarrer eine Totenrede, die im Übrigen, kommt sie von der Römisch-Katholischen Kirche, das schlanke Sümmchen von sieben Euro kostet.

(Wenn ich katholische Priester so vor sich hin murmeln höre, was sie eben so vor sich hin murmeln, wenn sie arbeiten, bin ich geneigt zu meinen: Das sind immer noch sieben Euro zuviel.)

Jedenfalls: Will kein Priester sprechen und trauen sich auch die Verwandten nicht, was meistens der Fall ist, herrscht ein gewisses Totenreden-Vakuum. Da hat sich inzwischen der Beruf des Grabredners – oder so ähnlich – etabliert. Und es gibt wirklich ein paar Menschen, die das jobmäßig und hauptberuflich machen. Zwischen 150 und 250 Euro lassen sich pro Rede lukrieren.

Hm.

Noch viel seltsamer, der Mann erzählte mir: Wer stirbt, muss dafür eine Gebühr entrichten – und die ist je nach Ort, an dem man abkratzt, unterschiedlich. Im Grazer Landeskrankenhaus zum Beispiel liegt sie bei knapp 400 Euro, nur fürs Sterben, einfach so. Andere Krankenhäuser sind billiger. In Altersheimen und zuhause stirbt man kostenlos. Aber dann geht die ganze Abzocke erst richtig los – Begräbnis, Reden, Sarg, Musik und so weiter, das wird richtig teuer, ein paar tausend Euro legst du da als Toter schnell einmal hin.

Schon alles ziemlich seltsam. Ich werde mir das mit dem Sterben wohl noch genauer durch den Kopf gehen lassen müssen, ob ich das überhaupt will und wenn ja wo und wie und überhaupt…

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