Zugfahrt

Aaah, naaaa geeh, jetzt hob i an Schaß a no baut, flucht der junge pickelige Mann hinter dem Ticket-Schalter, der aussieht wie ein Platzhalter für alle 18jährigen streberischen Außenseiter in Maturaklassen, aber offensichtlich nicht entsprechend fit im Geiste ist. Zuvor hatte er mehrmals versucht, die Bankomatzahlung des Fahrgastes auf den Weg zu bekommen, vergebens. Jetzt hotasi aufghängt, seufzte er schließlich schulterzuckend in Richtung Bildschirm und rief eine Kollegin zu Hilfe.

Im Zug, es ist ein Railjet, hat acht Minuten vor der fahrplanmäßigen Abfahrt – die dann im Übrigen nicht wirklich fahrplanmäßig erfolgte – das Zugrestaurant „Henry“ selbstverständlich geschlossen. Eine Kellnerin (sagt man zu denen so, wenn man im Zug ist?) lümmelt gelangweilt an einem der Tische. Nein, wann man aufsperre, wisse sie nicht. Und auch hier:
Schulterzucken. Scheint bei den ÖBB und den angeschlossenen Firmen irgendwie Corporate Behaviour zu sein. Hinsetzen darf ich mich aber zumindest.

Dann fällt eine Horde anderer Kellner ein und ich denke wehmütig an den gesitteten Anblick von Stewardessen an Flughäfen, wenn sie in kleinen Grüppchen ihre Trolleys zum Dienst rollen. Wenn die Kellner der ÖBB-Zugrestaurants „Henry“ das tun, glaubst du, die kommen direkt vom Fußballspiel Simmering gegen Kapfenberg, das ja bekanntlich die totale Brutalität ist. Oder sie sind am Weg dorthin.

Schließlich unterwegs, bestelle ich ein Wiener Frühstück und freue mich auf die Köstlichkeiten und delicious refreshments, die mir Chris Lohners schönste Zugdurchsagestimme soeben versprochen hat, Kostenpunkt knapp fünf Euro, das geht ja noch. Es kommt: eine Semmel, unfrisch, ein Stück Tiroler Alpenbutter, klein, ein Platsikpackerl darbo-Erdbeermarmelade, ebenfalls klein. Ich verbringe viel Zeit in Wien und weiß: So frühstücken die dort nicht. Jedenfalls ist mir jetzt nachvollziehbar, wie die fünf Euro zustande gekommen sind. Aber ich darf zwischen einem doppelten Espresso und einem Verlängerten (schräge Alternative!) wählen, kostet gleich viel, sagt die Dame von Henry und zwinkert beruhigend.

Während ich meine aufgebackene Altsemmel kaue, lausche ich dem Telefonat des fettleibigen und durchaus ein wenig abstoßend wirkenden Typen am Tisch neben mir. Ich meine, ich hab ja auch ein stattliches Bäuchlein, aber ich renne nicht in abgefuckten T-Shirts durch die Gegend, die den Speisepaln der vergangenen Woche außen angepappt haben. Ich trage Schuhe statt Badeschlapfen, ziehe mir im halbwegs öffentlichen Umfeld Socken an und mit kurzen Hosen Marke Kasachstan würde ich mich nie in einen Zug trauen.

Überhaupt, kurze Hosen. Erwachsene Männer in kurzen Hosen schauen einfach lächerlich aus, im besten Fall. Möchte wirklich wissen, welcher Geschmacksverwirrte deren Wiedereinführung beschlossen hat.

Aber gut – weder dafür noch für den Kerl am Nebentisch können die ÖBB etwas. Für die Henry-Kellner und ihr bis Sekunden vor Abfahrt geschlossenes Zugrestaurant aber schon.

Service, liebe ÖBB, wären höfliche, zumindest durchschnittlich intelligente und einer halbwegs gepflegten Sprache mächtige Mitarbeiter im Kundenkontakt, also an den Fahrkartenschaltern. Bitte lasst  denen doch auch ein gewisses Mindestalter angedeihen, die totale Jugend ist zwar hipp (die pickelige Landjugend leider manchmal nicht einmal das), aber nicht immer so souverän im Umgang mit Erwachsenen. Service wäre natürlich auch, Restaurants zu öffnen, bevor die Fahrt losgeht. Es soll Fahrgäste geben, die werfen sich nicht erst in letzter Sekunde in einen der Waggons. Nur Abenteurer, und so viele existieren davon nicht, hecheln aus Prinzip abfahrenden Zügen über die Bahnsteige nach. Leute wie ich brauchen das Zugrestaurant bereits, bevor draußen die Landschaft vorüber fliegt.

Genau dieses Vorbeiwischen vor den Fenstern hat übrigens was. Das Murtal ist schön, wenn du Zeit hast, es dir anzusehen. Im Auto geht das ja nicht so gut, musst du selbst fahren. Aber auch dafür können die ÖBB nichts, das ist Sache von Natur, Evolution und natürlichem Lauf der Dinge.

Jetzt will ich unseren verstaatlichten Sorgebetrieb, der schon Zigtausende meiner Steuer-Euros im Nirwana der Unbeschwertheit beamteter Eisenbahner vor und nach der Frühpensionierung versenkte, auch einmal loben: ein super freundlicher und unaufgeregter Schaffner in diesem Railjet. Und jene Henry-Kellnerin, die mich dann – nach Abfahrt, eh klar – bediente, war die personifizierte Freundlichkeit, erstklassig.

Licht am Ende des Tunnels – obwohl ich ja geneigt bin, ab und an aufflackernde Highlights in der ÖBB-Dienstleistungsorientierung eher als Strohfeuer abzutun. Allerdings – wenn ich mir das Gewirr der  japanischen Chaos-Touristengruppe vor Augen halte, die gerade zwei Tische weiter Platz genommen hat, dann muss ich sagen: Leicht haben sie es auch nicht gerade, die tapferen ÖBB´ler.

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